1.1 Bern – Wien

Kulturschock

Wir wollten erleben und entdecken. Wer bleibt, kann nicht gehen. Und so sind wir gegangen. Ein Eintauchen in neue Realitäten. Für uns werden neue Dinge real, die vorher unbemerkt neben uns koexistierten. Die Natur entfaltet sich in vielseitigsten Arten, Formen, Farben, Grössen und Variationen. Bereits erlebten wir in Bayern unsere erste kulturelle Überraschung ganz im Sinne von ‚andere Länder, andere Sitten‘. Wir sind uns nicht sicher, ob nachstehend abgelichtetes Schaf ein bayrisch-kulturelles Artefakt aus frühzeitlichen Jahren oder eine naturhistorisch einmalige Eigenheit darstellt. Auf jeden Fall hat dieser Farbtupfer in der Landschaft unsere Vorstellungen von Normalität nachhaltig ins Wanken gebracht.

Nestflucht

Vor Augsburg enteckten wir zum Biwakieren neben dem Fahrradweg eine kuppelartige Holzkonstruktion mit weitsichtigem Blick über ein Naturschutzreservat und jauchzten vor Freude über dieses Bijou. Kurzerhand erklärte uns ein herbei eilender und merklich erboster Ornitologe, dass dies eine Vogelbeobachtungsstation und kein Schlafplatz sei. So sind wir nach kurzem Gespräch wie ein Vogel davon geflattert und nesteten an einem schönen einsamen Schlafplatz entlang des Flusslaufes (siehe Bild unten). Glücksfund. Der Ornitologe sah übrigens mit seiner struppigen Föhnfrisur selbst ein bisschen aus wie ein Kauz. Mit seiner kauzigen Frisur glich er einem Tier im Federkleid, wobei sein Federkleid nicht mehr so dicht und voll war wie jenes eines Pfaus, aber nichtsdestotrotz war er ein verrückter Vogel. Wir waren uns nicht bewusst und waren doch sehr überrascht über die frappanten Ähnlichkeiten zwischen Ornitologe und Vogel.

Animalische Reise

Manchmal muss das Glück an den Hörnern gepackt werden und so haben wir kurzzeitig unsere Transportmittel gewechselt (siehe Bild unten). Bald darauf stellte sich heraus, dass wir mit diesen Transporttieren eisern am Boden verhaften und wechselten wiederum auf unsere vertrauten Drahtesel.

Wasserpause

Unseren Fahrrädern sowie Waden gönnten wir nach vielen geradelten Kilometern eine Pause und genossen die sich flussabwärts durch markante Felsen schlängelnde Bootsfahrt auf der Donau.

(R)adleraugen

Zusammengefasst erblickten unsere Augen beim Radeln von der Schweiz über Deutschland nach Österreich die nachfolgend vorbeiziehenden Auffälligkeiten: Landwirtschaftsfelder, üppig grüne bis hin zu ausgetrockneter Vegetation, Kirchen, Schlösser, Sonnenblumenfelder, Kläranlagen, Bauernhäuser, viel Wasser der Donau, Markstände mit Leberkäsebröttchen, Biergärten, Sommerregen, Störche, jagende Mäusebussarde sowie Milane, nagende Biber, Kuh, Kuh, Kuh, Kuh, Kuh Kuh – also in der Kurzfassung: Kuhherden. Den Kühen winken wir jeweils höflich und diese nicken uns vermeintlich mit freundlichem Gesicht schweigsam zu. Die Kühe beobachten uns für einige Meter sichtlich irritiert aufgrund unseres Gestikulierens in Form von Winkbewegungen mit ihren kugelrunden, fragenden Augen und widmen ihre Aufmerksamkeit dann wieder den relevanten Angelegenheiten im Leben; dem Erschnüffeln des vor ihnen wachsenden saftigsten Grashalms. Der Weg führte nicht nur an staunenden Kühen vorbei, sondern auch vereinzelt entlang der Donau durch buschige Gefielde:

Strassennetz

Unsere Radreise führte uns bis dato grösstenteils mit sonniger Witterung auf asphaltierten Strassen oder mit Gravel versehenen Wegen. Vereinzelt gab es kleine Anstiege von maximal dreihundert Metern. Ansonsten zeigte sich das Höhenprofil der befahrenen Wege entlang der Donau bislang noch gnädig. Umso überraschender waren für uns die teils wie aus dem nichts auftauchenden Steilrampen mit Sprüngen:

In Windeseile

Unsere Reise war bisher vereinzelt gespickt mit gefühlt orkanartigen Böen, die uns entgegen peitschten. Trotz des Stillstandes drehten die Pedale (und auch die Erde) weiter, wie bei einem elektrischen Laufband, bei dem man trotz Rennen still steht. Es gibt im Leben mehrere Wege, die beschritten werden können; die Einen stellen Windräder zur Energieproduktion auf und die Anderen kämpfen sich munter entgegen der wehenden Naturgewalt ab. Vereinzelt spielten wir mit dem Gedanken, uns um die eigene Achse zu drehen und wie ein Windsegler vom Winde davon tragen zu lassen. So klein und ärodynamisch wie möglich mit den sperrig bepackten Fahrrädern strampelten wir jedoch nordöstlich weiter. Hier ein Foto von unseren entpackten Fahrrädern:

KZ Dachau

In Dachau besuchten wir mit einer eindrucksvollen Führung die KZ Gedenkstätte Dachau. Nach dem Einblick in den physisch und psychisch vernichtenden Alltag in einem KZ waren wir erschüttert ab der massenmörderischen Zielstrebigkeit der NSDAP. Wir suchten in Diskussionen nach Erklärungsgründen, um die damaligen Entwickungen verstehen zu können. Es stellten sich für uns im Nachgang viele Fragen über Gesellschaftsstrukturen, Partizipationschancen, Wegschauen, Machtverteilungen, Gerechtigkeit (auch hinsichtlich der Stravferfolgung in der Nachkriegszeit), Früherkennungszeichen für diktatorische Bestrebungen und Systeme sowie Möglichkeiten des Widerstands hin zu Utopien. Fragen, die äusserst schwierig zu klären sind und wir nicht im Stande sind zu beantworten. Ein offenes sowie weites Gelände, Mauern und Stacheldraht erinnern heutzutage an das Grauen dieser Zeit. Dazwischen umfasst das Aussengelände des KZ Dachau Kiesboden, grüne Bepflanzung, Gedenktafeln, relativ unscheinbare längsgezogene Häuser, Tourist*innenführungen und zwei von mehreren dutzend übrig gebliebenen Baracken. Ohne die bekräftigenden Zitate der Zeitzeug*innen, Bild- und Videoaufnahmen aus dieser Zeit wären die Gräueltaten mit reinem Vorstellungsvermögen schwer vorstellbar. Eine Kunstskulptur vor dem Krematorium zum Gedenken an die Ermordeten trug folgende Inschrift:

Den Toten zur Ehr, den Lebendigen zur Mahnung.

Zu Hause in Wien

In Wien nächtigten wir über die Plattform Warmshower mit vier anderen Gästen mehrere Tage bei Stefan in seiner grossräumigen Altbauwohnung in der Altstadt. Wir besuchten eine Ausstellung von Ai Wei Wei über sein jahrzehntelanges Schaffen und liesen uns schlendernd sowie staunend ab den prunkvollen Gebäuden durch die Strassen Wiens treiben. Abends kochten wir gemeinsam, lauschten gegenseitig den Geschichten aus verschiedenen Lebenswelten und diskutierten mit irischem Zitronenkuchen im Munde.

Nun werden wir den deutschsprachigen Raum verlassen und steuern Bratislava in der Slowakei an. Von dort werden wir unsere bisherige Himmelsrichtung ändern und fortan nicht mehr nordöstlich sondern in Richtung südliche Hemisphäre radeln. Die Finger sind gekreuzt, dass der Wind uns fortan den Rücken stärken wird.