2.0 Marokko

Die Erde ist ein Pfau, sein Schweif ist Marokko – arabisches Sprichwort.

Während unseren sechs Wochen in Marokko zeigte sich uns dieses Land in seiner bunten Vielfalt, dem Schweif des Pfaues ebengleich. Wir velöleten vom saftiggrünen Norden der Atlantikküste entlang hinunter in die südlichen Surfmekkas. Von da an ging es per Bus landeinwärts über das Hochgebirge des Atlas in den Sandkasten der Sahara. Letztendlich dann wieder nördlich in Richtung europäisches Festland. Die Gastfreundlichkeit und Herzlichkeit der Menschen war auch während des Ramadans allgegenwärtig zu erleben.

Tierische Frühlingsgefühle

Wir haben von Anna die Kontaktdaten erhalten, um mehrere Tage unsere Drahtesel auf ihrem kleinen Bauernhof einzustallen und Rast machen zu können. Sie hält einige Ziegen, sich rasant vermehrende Hasen, fünf Hunde, eine handvoll Katzen und neben den zwei neuen Drahteseln auch noch zwei richtige Esel. Ein Streichelzoo. Könnte man meinen.

Mit den beiden richtigen Eseln wollten wir in die Stadt einkaufen gehen. Esmeralda, die schon fast antiquarisch anwirkende Eselsdame und Peppino, der quirlige Jungspunt mit unbändiger Libido. Peppino ist wegen seiner ausufernden Wollust mit einem Seil an einem Pflock befestigt, damit er Esmeralda nicht in den Wahnsinn treibt. Um mit den Eseln in die Stadt trotten zu können, haben wir Peppino losgebunden. Alsbald Peppino wie von einer Hornisse gestochen durch den Garten gallopiert und eisentürenquietschende Geräusche von sich gibt (nichts von „I-A I-A“, wie es ohne Eselskenntnisse zu erwarten wäre). Anna kann mit der Eselin Esmeralda nicht durch die Ausgangspforte marschieren, da der Sattel zu sperrig ist. Daneben steht Gérie mit den beiden Nachbarsjungen im Kindergartenalter, welche sich verängstigt ab dem durchgebrannten Peppino an ihre Hände klammerten. Diese Szenerie ist eingebettet in wildes Gebell der aufgebrachten Hunde. Peppino rennt nun aus 50 Metern Entfernung in seinem schnellsten Esels-Galopp schnurrgerade auf Jani zu, welcher zwischen ihm und seiner heissgeliebten Begierde (Esmeralda) steht. „Stehe nie des Esel’s Glück im Weg“ glaubt sich Jani eingeschüchtert an ein altes Sprichwort zu erinnern. Wie auch immer. Jani wirft seine Hände in die Luft und gibt lauthals, wie vom Affen gebissen, nicht einzuordnende Töne von sich. Es funktioniert. Peppino ist derart verstört, dass er im Galopp Kehrtwendung macht. Nicht etwa um zu fliehen, sondern um mit neuem Mut erneut anzugreifen. Dieses Schauspiel wiederholt sich noch einige Male bis Anna die Esmeralda aus der Ausgangspforte befördert.

Nachdem sich Peppino etwas beruhigt hat, können wir ihn satteln. Anna weist den Peppino für den Spaziergang in die Stadt dem Jani zu. Ein Spaziergang ist vielleicht die falsche Beschreibung. Ein Wrestlingkampf scheint treffender. Jani versucht überfordert und wohl etwas unbeholfen amutend mit seinem vollen Körpereinsatz weiterhin Peppino daran zu hindern, die Esmeralda zu begatten. Peppino steppt dabei gekonnt wie ein Profitänzer mit seinen Hufen auf den Füssen von Jani herum. Und einmal hat Peppino sogar ausgeschlagen und die Kniescheibe erwischt, aber glücklicherweise ist diese nicht rausgespickt und blieb unversehrt. Mit einem in der Not selbsterfundenen Halswrestlinggriff kann Peppino in Schacht gehalten werden. Nach einigen Minuten des Ringens flautet Peppinos Libido ab und der Weg in die Stadt wird doch noch mehr oder weniger zu einem Spaziergang.

Der altbewährte Halswrestlinggriff

Busrennen

Von Rabat bis nach Oudalaida haben wir den Bus genommen, da dieser Streckenabschnitt zum Raddeln nicht schön sei. Unsere beiden Sitze waren hinter der mittleren Einstiegstür platziert, was uns das Beobachten eines wundersamen Phänomens erlaubte:

Der Chauffeur schien kein Freund seiner Bremse zu sein. Als Folge davon mussten einsteigenswillige Fahrgäste während der Anfahrt des Busses die Einstiegstür bereits ausfindig machen und anvisieren. Und dann hiess es; auf die Plätze, fertig, los. Zu Beginn mit leichtem Schritt und dann mit stetiger Geschwindigkeitssteigerung bis hin zum flotten Rennen eilten die olympisch anmutenden Fahrgäste parallel zur vorbeifahrenden sowie offenen Einstiegstür dem Bus nach. Eine gute Augen-Hand-Koordination ist unabdingbar, um mit einem Klammergriff irgendwo nach Halt greifen und sich schwungvoll ins Innere des Busses begeben zu können. Es liegt auf der Hand; fürs Busfahren sind feinmotorische sowie athletische Fähigkeiten vonnöten. Jeder erfolgreiche Einstiegsversuch wurde von uns Fahrgästen im Bus erfreut bejubelt.

Für die nächste Busfahrt haben wir uns hinter die Ohren geschrieben, uns im Vorfeld ausgiebig aufzuwärmen und zu dehnen.

Selbstredend ist es weder eine rollstuhl- noch betagtengängige Einstiegsvariante.

Überlebenswichtiger Entscheid

Unser Reiseschwein Flinder, von Sonja eigenhändig gestrickt und uns auf die Reise mitgegeben, fällte nun in Marokko endgültig seinen Entscheid. In der Türkei ist ihm die Idee entsprungen und seither gereift, denn dort fühlte er sich erstmalig in seinem Leben schweinisch gut. In den anderen Ländern behagte es ihm nicht mehr. Er hatte die Nase gestrichen voll. Klarer formuliert; er bangte um sein Leben. Jeden Tag fürchtete er als Medaillon auf einem Teller zu landen. Von seinem getroffenen Entscheid verspricht er sich ein sichereres Umfeld. Flinder ist nun in Marokko zum Islam konvertiert.

Flinder vor einer Moschee

Unerwünschte Gäste

Rast zur Mittagszeit bei einem grossgewachsenen und schattenspendendenden Arganbaum, der bestimmt viele Geschichten zu erzählen hätte, verfügte er über eine sprechende Zunge. So lauschen wir seinen Blättern im Winde währrendem wir unser reichhaltiges Zmittag ausbreiten. Jani erblickt neben sich liegend einige einsame Steine, die zum Sitzpolster zweckentfremdet werden könnten. Jani macht sich nichtsahnend auf, um das steinerne Sitzpolster für ein gemütliches Wohnzimmerambiente zu besorgen. Mit beiden Händen hebt er einen Stein an und schreckt noch im gleichen Atemzug zurück. Zwei fette, schwarze Käfer machen darunter Mittagspause. Erleichtert ruft er Gérie zu: „Ich dachte im ersten Moment, da liege ein Skorpion“. Um das mittägliche Kaffeekränzchen der beiden Kollegen nicht weiter zu stören, deckelt Jani sie wieder mit dem Stein und greift sogleich zum Danebenliegenden. Als der Stein ohne Bodenhaftung in der Leere des Raums schwebt, nur gehalten durch die beiden Hände, erschreckt Jani tiefgreifend mit starrem Blick zum Boden. Dieses Mal sind es keine fetten, schwarzen Kollegen. Es ist ein Skorpion.

Schlagartig wird man sich der eigenen Lust am Leben bewusst. Nahe am Tod, nahe am Leben. Ungläubig ab des kleinen Wesens, dass Grosses bezwingen könnte, schauten wir dem Skorpion zu wie es sich Tod stellte. Stellte es sich anders an, müssten wir uns dem Tod stellen.

Aber seien wir mal ehrlich; einsam muss das Leben sein als Skorpion. Alleine in der Wüste. Vermutlich wie jedes Lebewesen nach Zärtlichkeit lechzend, aber weder im Stande dies zu geben noch zu erhalten. Liebessehnsüchtig. Gestraft mit scharf schneidenden Klauen und einem giftigen Stachel. Eine zärtlich beabsichtigte Liebkosung mit letzterem würde als Todeskuss enden. Alle Glieder, die sich von einem Skorpionskörper erstrecken, sind ausnahmslos zum Verletzen verdammt. Würden wir alle Enden in Watte pappen, könnte es frivol kuscheln und liebkosen. Aber die Tierschutzorganisationen wären wohl empört.

Bei aller Empathie für vereinsamte, emotional abgestumpfte und liebesverdorrene Skorpione sind wir dem Leben jedoch noch genug verbunden, als dass wir einem Skorpion unsere Hand reichen würden. Und so gingen wir alle unserer Wege.

Schauplatz der Anekdote

Aus allen Nähten…

Abends in Marrakesch auf dem Platz Jemaa el-Fnaa. Dutzende Essensstände mit zischenden, emporsteigenden Dampfwolken über den Kochfeuern. Wuselnde Menschen und menschenartiges Gewusel. Ein bewundernswürdiges, ästhetisches Wirrsal, wie die ganze Altstadt von Marrakesch. Wir lassen uns einsaugen und treiben durch das geordnete Chaos. Die Verkäufer der Essensstände versuchen die Tourist*innen mit Wortspielereien in ihre Stände zu locken: „no panic, it’s organic“. Wir entgegen, dass wir schon gegessen haben. Ungläubig fragt er uns, ob das die Wahrheit sei. Jani zeigt seine markant nach aussen gewölbte Bauchrundung unter dem eng anliegenden T-Shirt. Lachend und verständnisvoll nickt er uns zu, dass wir ihn von der Wahrheit überzeugt haben. Ein paar Stände weiter ruft ein Verkäufer Jani zu, dass er ausgemagert aussehe und unbedingt etwas zu Essen brauche. Nach dem soebenen entgegenbrachten Verständnis des einen Verkäufers ist Jani nun sichtlich irritiert bezüglich der Fremdwahrnehmung seiner Körperfülle. Wie auch immer. Erneut bläst Jani mit ganzer Willensstärke seinen Bauch wie ein Luftballoon auf. Der Verkäufer reisst überrascht die Augen auf und seine Stirn überzieht sich mit Runzeln. Jani beteuert ihm: „no panic, it’s organic“.

Platz Jemaa el-Fnaa

Perlentauchen

Jeder Ankunftsort ist zugleich das Ende einer Reise und Ausgangspunkt für eine neue Reise. Jedem Tag seine Perle. Aneinandergereiht ergibt sich eine Kette. Die einen Perlen etwas abgeschliffen oder verblasst. Die Anderen auffallend und spiegelnd glänzig. Im Meer muss nach den Muscheln getaucht werden, damit ihre verborgenen Inhalte ans Tageslicht befördert werden können. Im Leben kann durchs Eintauchen in fremdes, neues kennengelernt werden. Das Wort Abenteuer kommt vom lateinischen ad venire, also was auf einen zukommt. Und was das ist, weiss man nicht im Voraus, sondern wenn es da ist.

Kleine Distanz, grosse Veränderung

Ablegen in Tanger, Marokko. Nach einer halbstündigen Fährenfahrt werden wir über die Lautsprecher willkommen geheissen: „Bienvenido a Tenerifa, España.“ Knapp 40 Kilometer Seeweg. Zwei Häfen. Zwei Städte. Zwei Länder. Zwei Kontinente. Europa. Afrika. Offenkundige sich unterscheidende Auffälligkeiten springen uns sogleich ins Auge. Am einen Strand wird beim Sonnen möglichst viel Nackte Haut zur Schau gestellt. Am Anderen möglichst wenig. Das Schwein wird bei den Einen als andalusische Gourmetspezialität allseits angepriesen. Das Schwein scheint bei Anderen vorallem in biologischen Sachbüchern auffindbar. Über den einen Restauranttischen erklingt das sich gegenseitige Zuprosten der mit Alkohol gefüllten Gläser. Über den anderen Restauranttischen fliesst aus den hoch erhobenen Kannen Pfefferminztee in die verzierten Gläser. Die einen Mäuler nehmen tagsüber Nahrung und Flüssigkeit zu sich. Andere Mäuler verschieben diese tägliche Aufgabe während des Ramadans in die Nacht. Die Einen dürfen frivol über die Grenzen reisen. Andere haben ohne Visa (ausserordentlich schwer zu kriegen) auf legalem Weg keinerlei Chancen – eine Tür, die sich nur einseitig öffnen lässt. Die einen Lebensweisen sind individualistisch ausgerichtet. Andere gemeinschaftlich als Kollektiv. Die Einen blättern in der Bibel. Andere im Koran.

Unterschiedliche Welten. Man könnte den Eindruck kriegen, wenn man nur diese oberflächlichen Faktoren unter die Lupe nimmt, dass darin auch sehr verschiedene Menschen leben. Aber die Menschen und ihre Bedürfnisse sind im Kern dann eben doch gleich. Schlussenends lassen sich viel mehr Gemeinsamkeiten als Differenzen feststellen. Es kommt darauf an, welcher Fokus gelegt wird. Bewusst oder unbewusst.

Der Blick von Europa nach Afrika

Fotoalbum

Ausklingend wieder einige Fötelis:

Schwindelgefahr
Was das wohl bedeuten mag?
Minarett mit und ohne Verkleidung