2.1 Spanien – Portugal

Bergfahrten

Wenn das Leben im Guten verläuft, so heisst es, gehe es bergauf. An dieser Weisheit kann ich bei jeder Steigung am Berg nichts abgewinnen. Es geht bergauf und mit mir bergab. Warum ist bergauf positiv konnotiert? Ich verstehe es nicht. Ich zerbreche mir den Kopf darüber. Vielleicht weil man danach runterrollen kann? Aber dann ist die Rede davon, dass es bergab gehe. Warum ist bergab negativ konnotiert? Wenn ich bergab fahre, gehts mit mir bergauf. Ich verstehe es nicht. Die Welt scheint ein komplizierter Ort geworden zu sein. Es geht mit ihr bergab. Oder eben bergauf. Ach, was auch immer. Es geht einfach rauf und runter.

Vergleichen

Wieso stehe ich in meinem Leben da, wo ich jetzt stehe? Wieso hier und nicht da? Da!, wo die anderen stehen. Gleichaltrige oder sogar Jüngere sind schon viel weiter gekommen als ich. Ich vergleiche mich gerne mit denen zu meiner Rechten. Und mit denen zu meiner Linken. Auch diese sind besser vorwärtsgekommen. Nur ich bleibe wieder mal stehen, wie der letzte Esel am Berg. Die Anderen stehen schon ganz anderswo. Bei mir stockts. Ich komme nicht voran. Wenn ich ganz ehrlich bin, möchte ich aktuell in meinem Leben an einem ganz anderen Punkt sein. Ich fasse einen Entschluss und laufe an der Kasse im Supermarkt in Porto zur Warteschlange zu meiner Rechten hinüber.

Heimreise

Während den letzten zwei Monaten in Spanien und Portugal ritten wir weniger auf unseren Drahteseln, sondern vermehrt mit Surfbrettern auf den Wellen. Eine schöne Abwechslung zum Pedalen.

Gleich zweimal konnten wir familiären Besuch aus der Schweiz willkommen heissen; Einerseits Norbert und Oliver (Papa und Bruder von Gérie) in Lissabon und andererseits Sirkka (Mama von Jani) in San Sebastian. Mit beiden Besuchen haben wir uns durch die Tage gegessen und die gemeinsame Zeit mit lebhaftem Austausch genossen.

Von Tarifa in Andalausien sind wir der Küste entlang über Portugal bis nach San Sebastian im Baskenland gereist. Von Porto wollten wir den Bus nach San Sebastian nehmen, da wir nicht mehr genügend Zeit hatten, um den ganzen Weg zurück in die Schweiz zu fahren. Diesen Reiseabschnitt möchten wir bei dieser Gelegenheit gerne etwas ausleuchten: Eine Busreise fängt immer mit einem Ticketkauf an. So auch bei uns. Fahrradtransport ist auf dieser Strecke allerdings untersagt. Auch Sondergepäck (grösserer Koffer etc.) ist untersagt. Unter uns gesagt, nur Handgepäck ist nicht untersagt. Wir standen vor einem Dilemma. Wir mussten aus Zeitgründen irgendwie das Land verlassen können in Richtung Schweiz. Gemäss Recherchen per Telefon, an Bahnhöfen, Busbahnhöfen, Tourismusbüros etc. ist es gemäss allen Auskünften „impossible“ das Land mit Fahrrädern per öffentliche Verkehrsmittel zu verlassen. Und nun? Die Flixbustickets für den nächsten Tag hielten wir in den Händen und wir wollten diese nicht stornieren. Wir mussten raus aus dem Land. Wir sagten uns, wir müssen es versuchen.

Am nächsten Morgen sind wir aufgewacht und der Herzschlag ging vor Aufregung schon bereits wie ein rasanter Trommelwirbel. Die Busfahrer sind gemäss unserer bisherigen Reiseerfahrung nicht die zugänglichste und freundlichste Personengruppe. An diesem Morgen würden sie uns bestimmt auch nicht mit Umarmungen und herzhaften Küssen auf die Wangen begrüssen. Als wir auf dem Perron J standen und die Einfahrt des Busses erblickten, trieften unsere Hände vor Schweiss. Als der Busfahrer während dem Hineinmanövrieren unsere Räder erblickte, schaute er uns bereits missbilligend ins Gesicht. Wir versuchten verkrampft mit möglichst sympathischer Mimik zu antworten. Unsere Gesichtsmuskeln waren aber derart angespannt, dass uns wohl eher ein Zähnefletschen als ein Lächeln entwich. Wir warteten einen vielversprechenden Moment ab und fragten den Busfahrer, wo wir die Räder unterbringen können. Er sprach kein Englisch und wir kein Portugiesisch. Aber anhand von seinem roten Kopf und der erbosten Stimme konnten wir entschlüsseln, dass er die Fahrräder in seinem Bus nicht wünschte. Wir hatten leider aber keine Alternative und so verwickelten wir uns in einen mehrminütigen, sehr angeregten Austausch. Das Gepäckfach des Busses war leer und schlussenends willigte er ein, dass wir die demontierten Velos samt den zehn Taschen darin verstauen. Wir waren erleichtert und überglücklich. Als wir alles verstaut hatten, zur Bustür gingen und ihm die Tickets vorwiesen, platzte dem Busfahrer der Kragen. Auf portugiesisch redete er wutentbrandt auf uns ein. Wir schauten ihn verdutzt an bis wir verstanden, dass dieser Bus nach Lissabon fuhr und nicht nach San Sebastian. Die Anzeigetafel hatte ein falsches Perron gelistet. Als emotionale Wracks räumten wir das Gepäckfach wieder leer. Unser Bus nach San Sebastian stand zum Glück noch da, obwohl er gemäss Zeitplan seit 10 Minuten bereits hätte auf der Strasse sein sollen. Wir eilten hinüber. Zuerst wieder nur Jani mit seinem Fahrrad, damit die Packmasse humaner wirkte. Gleiches Prozedere. Wildes Gestikulieren. Fauchen. Nackenhaare aufstellen. Knurren. Und Nasen rümpfen. Letzten Endes durfte das Fahrrad demontiert in den Gepäckraum. Gérie folgte mit ihrem Fahrrad und nach einer kurzen Schockstarre des Busfahrers wegen des zweiten Fahrrads durfte auch ihres in den Bauch des Busses. Nun konnten wir die richtigen Tickets vorweisen. Wir sassen nervlich völlig am Ende und losgelöst dieses Mal im richtigen Bus. Abfahrt.

Piksi piks

Wer surfen möchte wie die Grossen, sollte auch die lokalen Bedingungen kennen wie die Grossen. Zumindest kennen wir jetzt, was wir kennen sollten.

Schmerzlich musste Jani mit den Unterwasserlebewesen eindringliche Bekanntschaft schliessen, was sich förmlich in seine Erinnerung einbohrte. Jani und Bestandteile eines Seeigels vermischten sich in ein und demselben Körper. Eine von beiden Seiten ungewollte Fusion von Mensch und Meereslebewesen. In wissenschaftlichen Kontexten ist hierbei die Rede von sogenannten „Meeresmenschen“. Jani wehrte sich aber gegen das ihm aufgezwängte Schicksal einer Fusion und nahm die chirurgischen Fachkompetenzen von Gérie in Anspruch, um die vier Stacheln entfernen zu lassen. Drei von vier konnten unter wildem stimmlichen Getöse und starkem Prokastinationsverhalten doch noch entfernt werden. Einer nistete sich jedoch in den Tiefen der Fussohle ein.

Abends gesellten wir uns weit weg von allen Meereslebewesen an einem kleinen Festival unter Menschen. Menschen sind uns sympathischer. Die stechen uns nicht. Die helfen uns sogar. Ein Brasilianer, mit welchem wir unseren Heimweg teilten, verlautete während torkelnden Schrittes und mit überschwänglichem Selbstbewusstsein, dass er noch jedem Seeigel die Stacheln stutzte. Eine kurze Zeit später streckte Jani aus einer Mischung von Verzweiflung und Neugier heraus im Lichte der Küchenlampe im Hostel den Fuss in die Hände des selbsternannten Chirurgen. Jani vermochte keinen zärtlichen Griff zu vernehmen. Er fühlte sich eher gegriffen wie eine Kuh kurz vor ihrer Schlachtung in einer Grossmetzgerei mit wiederholten Auffälligkeiten bezüglich Einhaltung von Hygienevorschriften und Tierwohl. Mit gewetzter Nadel sowie Pincette und hemmungsbefreitem Gewissen wegen des Alkohols im Blut (und Atem) stocherte der Brasilianer kreuz und quer im Fuss herum. Für Jani fühlte es sich an wie eine Beinamputation mit rostiger Säge analog den Seefahrerzeiten im 16. Jahrhundert. Andere Zeiten ähndliche Bedingungen. Unser Chrirug aus einem anderen Jahrhundert hat nach mehrminütigem Rumgestochere den Fuss vom Stachel befreien können. Happy End.

Dr. Chirurgin

Filmchen

Nachfolgend haben wir noch ein kleines Video zusammengeschnitten aus der Zeit in Portugal und Spanien:

Fazit

Wir sind kurz vor dem Ende unserer Reise. Es ist an der Zeit ein Fazit zu ziehen.

Wir können und wollen jedoch gar kein Fazit ziehen. Es ist für uns ein reich gefülltes Jahr. Eine Truhe mit einem darin verborgenen kleinen Schatz von uns zweien.

– Das Glück ist das Einzige, was sich vergrössert, wenn man es teilt. – Mit diesem Sprichwort verabschieden wir uns und schliessen diesen Blog. Au revoir.