1.2 Österreich – Kroatien

Die von Prunk strotzenden Gebäude in Wien haben wir verlassen. Fortan dominierten in den Stadtbildern hinsichtlich pompöser Auffälligkeiten wieder die Kirchen.

Prunk in Wien

Hitzetortur

Ab Bratislava folgten wir weiterhin dem schnurgeraden Flusslauf der Donau – bis anhin waren wir noch nie so geradlienig durchs Leben gegangen. In der prallen Sonne bei knapp 40 Grad fühlten wir uns wie ein Popcorn kurz vorm Platzen. An diesem Tag begegneteten wir mit unseren hochroten Köpfen den in Orange gekleideten Holländer Laurence am Zieleinlauf eines Triathlons. Alle drei schauten wir ungläubig den an uns vorbeieilenden und scheinbar hitzeresistenten Triathlet*innen zu. Im Gespräch teilte Laurence uns mit, dass er mit dem Fahrrad bis nach Katar an die WM im November 2022 fahren möchte. Wir vermuteten zuerst, dass ihm die Hitze nicht bekommt. Aber er schien einen kühlen Kopf zu haben und dies sein tatsächliches Ziel zu sein. Zu dritt überquerten wir die Grenze nach Ungarn. Am Abend beim gemeinsamen Gulasch Schlürfen flössten wir unseren Körpern die dringend benötigte Flüssigkeit zu. Ein Essen oder ein kaltes Getränk ist selten so gut wie nach einer langen Radfahrt im Sommer. Wir erlebten den zweiten Frühling. Anekdote des Tages: Jani mag eigentlich CocaCola nicht. Nichtsdestotrotz stürzte er nach langer Wassersuche bei einer Pause im Schatten einen Liter CocaCola in wenigen Schlücken hinunter. Zuckerbedarf und Durst wieder gedeckt.

Grenzübergang Slowakei – Ungarn

Strassenkunst

Ein Asphaltierer mit der insgeheimen Sehnsucht zum Künstlerdasein? Ein ungarischer Flickenteppich? Ländergrenzen? Kolonialistische Grenzziehung? Schrebergärten? Kurfristiger Pragmatismus vs. Nachhaltigkeit? Ein von einer Walze überfahrener Kapplaturm? Klein kariert? Die Strassen Ungarns inspirieren:

Herr und Frau Schweizer*in

Desto östlicher, umso weniger sichtbarer Bünzlitum in den Vorgärten. Einzig die Geranien vor den noch unverputzten, aber bewohnten Häusern in Ungarn liessen uns leicht erschaudern.

Unterwegs

In Ptuj, Slowenien lauschten wir abends dem regnerischen Trommelwirbel auf der Zeltplache – ein wild orchestrierter Chor ohne Taktgefühl, aber schön daneben. Mit dem Zelt gleichzeitig drinnen und draussen. Nach mehreren feuchtfröhlichen Konzertbesuchen mit dem Zelt fühlt sich eine Hotelübernachtung an wie ein persicher Palast und wir verwechselten uns fast mit Adligen. Alsbald nach dem königlichen Hofleben lockte uns die primitivere und gleichsam Geborgenheit spendende Lebensweise mit Kocher, Zelt und Mätteli. Für uns kreiert die sich abwechselnde Vielfalt mit ihrem Facettenreichtum ein reizvolles Reiseerlebnis. Das Spektrum der Emotionen reicht innerhalb weniger Stunden von zähneknirschender Misere wegen stark befahrenen Bundesstrassen bis hin zu sich vollumfänglich wie ein Kinde im Moment vergessen aufgrund der Faszination der osteuropäischen Landschaft:

Grün, Grüner, am Grünsten
Steppe
Felsschloss in Slowenien
Versandet in Ungarn
Eisenbahntunnel, Istrien
Saftiges grün, Slowakei
Geradlienig durchs Leben, Donau
Meereskanal in Istrien
Sloweniens Berge
Ungarns Weinreben

Traubenzucker

Die Fahrradwege in Ungarn und Slowenien führten uns vorbei an Mandel- und Feigenbäumen sowie durch Weinbaugebiete. Dies resultierte im Picknick direkt ab der Pflanze:

Fahrradalltag

Beim meditativen Fahrradfahren führt man den Verstand spazieren; gemächlich vorbei an wegweisenden Kreuzungen und Strassenschildern mit Warnhinweisen auf vermeintliche Sackgassen, hinauf auf Hügel mit Retroperspektive oder zukunftsgewandter Perspektive und in tiefliegende Täler gleicheben wie der Mariengraben. Gedankentreibend. Kontemplativ. Fast stoisch. Aus der gedankenversunkenen Stille unverhofft lautes Autohuppen. Strassenkreuzung. Ampel auf grün. Hastig in die Pedale treten. Gedankenwolken lösen sich in Fetzen auf und ziehen weiter.

Die Odyssee

Der Tag startete harmlos mit Rührei, Früchten und Porridge. Die Strecke von Ljubljana nach Triest mit 94 Kilometern gedachten wir auf zwei Tage zu verteilen. Der Morgen wartete mit vielversprechenden autofreien Strassen durch wilde Natur auf. Unsere Waden waren nach den Pausentagen in Ljubljana kräftig wie selten. Kilometer um Kilometer. Im Fahrradhoch. Unverhofft treibt uns der Weg steil den Hang hinauf über Stock und Stein.

Offizieller „Radweg“

Nach rund einem halben Kilometer bergauf stossen und einem halben Swimmingpool voll mit Schweiss endlich das Gipfeltreffen. Ein Gipfeltreffen mit der Erkenntniss, dass die eine Fahrradkette verbogen ist. Ein freundlicher Slowake biegt uns in seiner Werkstatt unser Malheur wieder fahrtauglich. Im Fahrradhoch. Weiter durch die hügelige Landschaft Sloweniens in Richtung Dolce Vita. Der irreführende Weg führt uns entlang der Autobahn über Felsbrocken, zwischen Kühen durch ihre Weiden und wunderschöner Radwege. Das Meer, die Verlockung eines italienischen Tiramisus und die noch vollen Energiereserven verleiten uns nach 60 Kilometer zum Entscheid bis nach Triest durchzufahren. Der letzte grössere Anstieg ist bezwungen und nun mit wehendem Haar hinunter entgegen unserer Meeressehnsucht. Acht Kilometer vor Triest treffen wir die folgenschwere Entscheidung und folgen einem ausgeschilderten Fahrradweg über den Hausberg von Triest. Der Fahrradweg entpuppt sich als felsiger Wanderweg und liess uns unsere Poren regelrecht mit Schweiss ausspülen. Oben auf dem Hügel endlich der ersehnte Blick über Triest und das dahinterliegende Meer. Im Fahrradhoch.

Meer in Sicht!

Wer oben ist, muss auch wieder runter. Links und rechts sowie hoch und runter stiessen wir unsere bepackten Farrädern erneut über die Wanderwege auf der Suche nach einer erlösenden Strasse runter nach Triest. Kilometerlang vergebens. Müde. Erschöpft. Im Fahrradtief. Endlich das Rauschen von Autos auf einer Strasse. Allerdings eine Autobahn. Zwei Pickups nehmen uns für drei Kilometer auf dem Autobahnabschnitt mit. Danach endlich die letzten Pedalundrehungen bis nach Triest. Ankunft um 21:30 Uhr. 104 Kilometer. 1‘490 Höhenmeter. Zwei erschöpfte Hintern und ein verdientes Abendessen in Triest. Im Fahrradhoch.

Sonnengleichnis

Am Strand in Triest. Die eine Frau 10 Meter vor uns in der prallen Sonne liegend. Sich in der Wärme der Sonnenstrahlen räckelnd. Positionswechsel. Verschiedene Winkel der Sonneneinstrahlung. Tsch. Tsch. Tsch. Triefend vor Sonnen-Öl. Effizientes Sonnenliegen. Optimiertes Bräunen. Bräunung der Fusssohle über die Achseln bis hin zur Handinnenfläche. Alles soll Farbe annehmen. Lederhaut als Schönheitsideal. Bräunen bis zur (Un)sterblichkeit. Und noch viel länger. Erwartung ans Leben: Möglichst intensiv und lange braun sein. Lebenserwartung: Je nach Rötung. Als Weisse braun sein wollen, aber nur solange die Hautfarbe nicht für immer bleibt.

Tapetenwechsel.

Die andere Frau: 5 Meter neben uns liegend mit ihrem Kind. Unter den Kiefern. Im Schatten. Mutter trägt ein Kopftuck über ihrer Glatze. Sonnencreme 50+. Gleicher Strand. Zwei (Lebens)welten. Der Gegensatz als gemeinsamer Nenner.

Strand in Triest mit Feigenschmaus

Schweinerei

Vor der Abreise haben wir von Sonia einen selbstgehäckelten Reisebegleiter erhalten: Flinder, unser Hausschwein. Bis dato hat sich unser Ferkel nicht all zu schweinisch benommen und sich als Nomadenschwein eindrucksvoll bewiesen. Einzig in der Region um Rovinj ist Flinder vor Schreck sein pink gequirltes Ringelschwänzchen zu Berge gestanden. Für Flinder völlig unvorbereitet passierten wir die lokale Spezialität aus der gastronomischen Küche Istriens mit den aufgespiessten Schweinen. Seit diesem traumatischen Ereignis ist Flinder angespannt wie die Spanferkel.

Paradistrien

In der Nähe von Pula auf der Halbinsel Istrien fanden wir erneut ein Zuhause. Dieses teilten wir für drei Tage mit Phiuma und Koralin – Mutter im Wechseljahralter und Tochter im Teenageralter. Seit der Geburt von Koralin leben die beiden reisend. Trampen von Ort zu Ort. Ein Konzert hier, ein Auftritt da. Das Tarp gespannt unter Pinien, das Tarp gespannt zwischen Felsen. Koralin geht nicht zur Schule. Das Reisen als ihre Lebensschule. Wir verbrachten diskussions- und erlebnisreiche Tage mit ihnen in mediterraner Natur. Nachmittags streiften wir durch die verlassenen Bunkerruinen aus dem 1. sowie 2. Weltkrieg und stiegen tief in die ausgehöhlten Küstenfelsen hinab. Kalt. Düster. Bedrückend. Ein Kontrast sondergleichen zur Postkartenkulisse Kroatiens. Für die Leichtigkeit der Küstenstrände lassen wir lieber die Bilder sprechen, denn diese vermögen die Realität besser abbilden als Worte:

Nachmittags Touristenströme, morgens und abends Menschenleere.
Klippenspringen
Über Nacht übernachten
Feuer und Flamme für das Meer

Nachfolgend noch einige Impressionen:

Atelier in Wien
Halskehre
Einkaufsladen in Ungarn
Morgenakrobatik
Waschsalon
Metelkova in Ljubljana
Wer hat was geladen?
Mezzo kilo per favore
Fahrradchirurgie
Tagesbeginn
Kleider zwischen Oliven in Istrien
Wasserstrasse
Meeresfreude
Betonierter Emmentaler
Liegen ist Frieden, Bratislava
Campingplatz
Eieiei
Strahlekind