Wie ein melancholischer Schatten begleiteten uns auf der Reise in Bosnien-Herzogowina, Serbien und im Kosovo die Kriegsgeschichten schwerfällig. Mit Büchern, Reportagen, Dokumentationen, Museumsbesuchen, Stadtführungen und Gesprächen mit Einheimischen tauchten wir intensiv in die Geschichte einzelner postjugoslawischer Staaten ein. Die Erzählungen der Betroffenen führte uns die Bedeutung eines Alltags im Krieg und das erschwerte Leben nach dem Krieg vor Augen. Besonders nachgehallt haben uns die Geschichten in Bosnien-Herzogewina mit dem Angriffskrieg Serbiens und dem Genozid an den Bosniak*innen. Noch heute erinnern in Sarajevo oder Mostar unzählige Einschusslöcher in den Häuserfassaden an den dreienhalb Jahre andauernden Krieg.


In Bosnien-Herzegowina fuhren wir von der einen Stadt zur Anderen. Die Geschichten hafteten sich zusehends an uns fest. Beim Passieren von Dörfern, verschossenen Häusern oder Waldabschnitten imaginierten wir uns die damalige Realität. Es fiel uns wie Schuppen von den Augen; wir brauchten Abstand von diesen bedrückenden Geschichten. Wir sind im Vergleich zu den Einheimischen in der priveligierten Situation, um entscheiden zu können, dass wir uns diesen Themen für den Moment nicht mehr derart intensiv widmen möchten.
Unsere Eindrücke lassen sich abschliessend wie folgt zusammenfassen: Die teilweise anhaltend tief gezogenen Gräben zwischen den Landesbevölkerungen, politischen Interessen, Religionszugehörigkeiten und Ethnien sind bis heute stark spürbar. Die Geschichte prägte. Die einen versuchen engagiert über diese Gräben Brücken zu bauen und andere reissen sie wieder ein. Letzen Endes, so scheint uns, bleibt eine anspruchsvolle gesellschaftliche Topographie mit dornenüberwachsenen Tälern und weitsichtigen Hochebenen.
In Bosnien-Herzegowina werden sowohl symbolisch wie auch real Brücken gebaut:

Tyrannei der Hunde
Wie bei den Menschen gibt es auch bei den Hunden verschiedene Typen. In Bosnien-Herzegowina und Serbien haben wir äusserst offenherzige Menschen und besonders räudige Hunde kennengelernt. Mit Letzteren hätten wir vorzugsweise keine Bekanntschaft geschlossen. Aus den Begegnungen mit den Strassenhunden ist indes auch keine erstrebenswerte Beziehung entstanden. Wer bei der ersten Begegnung übereilig mit fletschenden Zähnen, lautem Gebell und aufplusternder Körperhaltung heranbraust, erschwert uns doch erheblich einen warmherzigen Einstieg in eine potentielle Freundschaft zu finden. Ehrlich gesagt sind uns jeweils vom kleinen Zeh bis hinauf zu den Geheimratsecken die Haare zu Berge gestanden. Fortan rüsteten wir uns mit Holzstöcken, Infrarotsender, einem breiten Arsenal an grimmigen Mimiken und mit Kies gefüllten Plastikflaschen, um die Begegnungen möglichst kurz halten zu können. Unsere Idealvorstellung mit den Hunden wäre wie eine Art von Speed Dating: Hallo und au revoir. Bis dato waren es aber eher einseitig cholerisch und monologisierende Dates. In unserem Verständnis lebt eine Begegnung vom Austausch. Die Hunde scheinen anderer Auffassung und wollen uns ihre Meinung ohne Rücksicht auf Dritte diktatorisch aufdrücken, ohne das wir gefragt hätten. Die Vorzeichen für künftige Begegnungen standen schlecht. Wir dachten uns, „di gschiderä gäbe nah und dr hund blibt stah“. Deshalb durchquerten wir vereinzelt dank Autostopp die Hundegebiete friedlich – beim Vorbeifahren mit dem Auto an den Strassenhunden haben wir unseren Unmut den Hunden gegenüber mit herausgestreckten Zungen signalisiert. Unsere kleine, süsse Genugtuung.

Kleine Anekdote zum Verständnis der hundsmiserablen Lage: Ein Serbe hat uns erzählt, dass eine Firma beauftragt ist, die Strassenhunde einzufangen und ins Tierheim zu bringen. Die Firma geht diesen Aufträgen der Stadtverwaltungen auch pflichtbewusst nach, zumindest auf halber Strecke. Denn die eingefangenen Strassenhunde werden in frühmorgendlichen Aktionen in anderen Städten wieder freigelassen. Ein aus der Perspektive der beauftragten Firma raffiniertes sich selbst erhaltenes System.

Herzensangelegenheit
Die angetroffenen Menschen sind uns gegenüber fast durchgehend sehr aufgeschlossen, warmherzig und gesprächsinteressiert. Mehrere Male überraschte uns beispielsweise in einer Bäckerei oder einem Supermarkt eine Person an der Kasse und bezahlte für unsere Einkäufe. Die Einheimischen winken uns teilweise zu sich und schenken uns eine Hotelübernachtung, einen Teil ihrer Ernte oder laden uns zum Essen ein. Während den Velofahrten erhalten wir entweder freundliches Zuwinken und/oder ungläubige Blicke (wohl ab der gewählten Fortbewegungsart, unseren windverwehten Frisuren oder der Packmasse). Wieder andere Menschen hupen uns ausgelassen fast aus dem Sattel – lieb gemeint, aber bitte nicht. Denn ‚das Herz rutscht uns vor Schreck jeweils in die Hose‘. Das Herz in der Hose ist ja bekanntlich beim Rad fahren gänzlich unpraktisch. Das Herz gehört nicht in die Hose. Punkt. Die anderen Organe befinden sich jedoch noch alle an ihren zugewiesenen Plätzen. Also haben wir ‚unser Herz jeweils in die Hand genommen‘, auch wenn das nicht der rechtmässige Ort für dieses Organ ist, und sind weitergefahren.

Start Up Velowerkstatt?
Bisher haben unsere Drahtesel wie folgt gebockt: Ein Platten, zwei Bremsscheibenverschleisse, Verbiegung der Kassette und verkümmertes Kettenglied. Seit unseren Lebzeiten sind wir nicht berühmt, sondern eher berüchtigt für unsere Kompetenzen bezüglich Fahrradmechanik. Unbeirrt und als einzige Hoffnungsträger*innen für unsere Räder haben wir uns dennoch diesen Aufgaben gestellt und sie zu unserer Zufriedenheit gemeistert. Oder vielleicht anders formuliert: Auch eine kaputte Uhr zeigt zwei Mal am Tag die richtige Uhrzeit an.

Kaffeekränzchen
In Albanien liess sich das gemeinsame Kaffee-Frönen beobachten. Der Kaffee als verbindendes Element zwischen Menschen.
Die Vermischung der an sich unterschiedlichen Einheiten von Kaffeepulver und Wasser führt in die Entstehung von etwas Neuem – Kaffee. Beide Einheiten sind vonnöten, um Wirkung zu entfalten. Dasselbe nimmt seinen Lauf bei Individuuen als gegenüber einander abgegrenzte Einheiten, die sich zum Kaffeegenuss verabreden und gemeinsam etwas Neues kreieren – eine Gemeinschaft. Stundenlang am Kaffee nippen und plaudern. Der Kaffee als Anlass für Vernetzung und Beziehungspflege in Albanien. Zugleich auch absorbierendes Phänomen, da nur Männer an diesen Kaffeezeremonien im Öffentlichen Raum teilzunehmen scheinen. Verbindung ist immer auch eng mit Ausschluss verwoben.
Auch wir bilden zusammen eine kleine, überschaubare Kaffeegemeinschaft (unabhängig des Geschlechts):

Répétition
Den Balkan haben wir mit einem tränenden Auge in Richtung Griechenland verlassen. Die besuchten Länder im Balkan haben wir aufgrund der Einheimischen und der beeindruckenden Landschaften lieb gewonnen. Abschied bedeutet auch loslassen können:
Man kann nicht wiederholen, was einmalig ist. Wiederholung impliziert den Wunsch, dass alles gleich bleibt. Man kann sich nicht wieder holen, was gegangen ist.
Zurückspulen. Beim Spulen hadert man. Wer spuhlt, dreht im Leerlauf. Stagnation. Wer nach vorne spult, überspringt und verpasst. Wer zurückspult, möchte zurück, bleibt aber hadernd und spulend stehen. Kann weder nach hinten noch nach vorn. Loslassen. Neu beginnen.
Fotogallerie
Um Tinte zu sparen, werden wir nun noch einige Bilder für sich sprechen lassen:
















































