1.5 Griechenland

Das Land, wo das Olivenöl aus dem Wasserhahn fliesst und das Kopfkissen mit Feta gefüllt ist. Antike griechische Stätten und Ruinen säumten immer wieder unseren Fahrradweg. Die Einen reisen gedanklich dank diesen steinernen Zeitzeugnissen fasziniert sowie verträumt in vergangene Zeiten zurück und Andere sehen gegenwartsgetreu eine Ansammlung von alten Felsbrocken verteilt über einer Wiese. Wir beide befinden uns wohl auf diesem Spektrum irgendwo zwischendrin. Die einstige glanzvolle Pracht lässt sich mit einer gehörigen Portion Vorstellungskraft nur erahnen, denn die mächtige Ausstrahlungskraft der althistorischen Tempel verfiel über die Jahrtausende mit dem Gang der Zeit. Der verblasste Wohlstand tanzt vereinzelt noch durch die Ruinen – ein müder, schleppender Tanz.

Olympia – Ursprung der Olympischen Spiele

Vom Regen in die Traufe

An einigen Tagen erschloss sich uns Griechenland in seiner sonnigen Pracht und anderntags nach sindflutartigen Regenschauern erkannten wir demütig, dass wir weder wie Jesus übers Wasser gehen können noch dieses wie Moses zu teilen vermögen. Beim blauäuigen Versuch dessen scheiterten wir kläglich:

Kein Regen. Kein Regenbogen.

Vorsehung

Mit griechischen Orakeln wurden vor tausenden von Jahren Zukunftsfragen beantwortet. In der griechischen Mythologie zeigt sich oft, dass das, was die Akteure vermeiden wollen, gerade deshalb eintritt, weil sie versuchen, es zu umgehen. Wir haben keine Weissagungen von griechischen Orakeln erhalten oder zumindest nichts davon bemerkt. Gewisse Dinge wie beispielsweise die Strassenhunde haben wir bewusst zu vermeiden versucht, aber wahrscheinlich sind diese unser prognostiziertes Schicksal. Denn wir werden konstant davon eingeholt, obwohl oder wohl gerade weil wir es vermeiden wollen. Vielleicht müssen wir unser Hundeschicksal einfach stoisch hinnehmen. Die Hunde begleiten uns wie ein roter Faden durch unsere Reise. Nebst dem täglichen Bad im Meer sind diese die einzige Konstante. Hierbei muss angemerkt werden, dass die griechischen Hunde zwar wie Alarmanlagen hysterisch kreischen, aber nach gegenseitigem beschnuppern überaus drollig sein können.

Wachhunde

Nebensaison

Der November stellte sich für uns als äusserst geeignete Reisezeit für Griechenland heraus; die Thermometeranzeige tagsüber beständig über 20 Grad, ausbleibende Touristenkolonien, einsame idyllische Strände und ausreichend geöffnete Tavernen mit griechischer Küche. Die Touristeninfrastraktur war teils wie ausgestorben. Wir, als das einzig Lebendige. Überall konnten die Anzeichen von saisonalem Leben entdeckt werden. Die Ortschaften müssen sich nun von den sommerlichen Touristeneskapaden erholen. Sie fahren runter und machen sich erschöpft bereit für den wohlverdienten Winterschlaf. Die Einheimischen verbarrikadieren ihre Häuser winterfest. Wir streifen durch verlassene Dörfer. Vorbei an Fenstern, aus denen niemand mehr rausguckt. Vorbei an Türen, die niemand mehr aufstösst. Vorbei an Bierzapfhähnen, die niemand mehr betätigt. Vorbei an Sandstränden, die niemand mehr zum Sonnen benutzt. Imposante Hotelkomplexe stehen leer, aber diese können teilweise wohl auch im Sommer, wenn sie voll sind, leer und inhaltslos erscheinen. Konsum als Tugend. Blind vom Rausch. Wie in Watte gepappt. Alles gekauft, sich selbst verkauft. Mit finanziellem Interesse werden die Hotelanlagen im Sommer wie ein Truthanlaib ausgeschlachtet. In der kälteren Jahreszeit ausgehöhlt zurückgelassen, um sie dann wieder füllen zu können. Die Hotelkomplexe werden nicht wie die Truthane an Thanksgiving wieder gefüllt, sondern zum Saisonbeginn. Wohl ein weit verbreitetes Phänomen.

Alleine zu zweit, Rhodos

Grünes Kulturgut

Wir haben unzählige Olivenbäume passiert und den Menschen zugesehen, wie sie mit Holzstöcken ihre Ernte von den Zweigen schlugen und in darunterliegenden Netzen auffingen. Unverhofft erhielten wir eine Führung durch eine Herstellungsfirma von Olivenöl mit der detaillierten Schilderung sämtlicher Verarbeitungsschritte der Oliven.

Anlieferung der Oliven

Am Ende des Verarbeitungsablaufs fliesst das Olivenöl knallig grün aus dem Chromstahlrohr.

Wir erhielten das Angebot zu degustieren. Erfreut entgegnet wir: „Wie?“. Woraufhin der Firmenbesitzer pantomimisch die Fingerbewegung zum triefenden Öl darstellte. Überrascht ab der unorthodoxen Aufforderung befolgten wir sie und hielten unsere von der Fahrradfahrt verschwitzten Finger unter das frisch gepresste Olivenerzeugniss. Wahnsinnig leckeres und kräftiges Aroma. Falls ihr uns vermisst, könnt ihr nun also im Coop oder Migros ein griechisches Olivenöl erwerben und durch das Kosten des Ölivenöls uns beide über euren Geschmackssinn in Erinnerung rufen.

Randnotiz: Gemäss dem Firmenbesitzer würden die italienischen und spanischen Olivenölproduzenten dieses begehrte griechische Olivenöl aus dem südlichen Peleponnes einkaufen und mit ihrem Eigenen pantschen.

Frisch ab Presse wurden wir reich beschenkt:

Unwirkliches Meteora

Von Athen sind wir landeinwärts mit dem Zug in Richtung der auf den Felsspitzen thronenden Klöster Meteoras gefahren. Nach etlichen Überfällen und Blutvergiessen seitens der Türken im 14. Jahrhundert brauchten die Mönche einen Zufluchtsort. Die Unzugänglichkeit der Felsen von Meteora machten sie zu einem perfekten Refugium. Die Mönche wurden in Netzen mit Seilwinden hochgezogen. Laut einer häufig erzählten Geschichte sollen Mönche auf die Frage von neugierigen Besuchern, wie oft die Seile ersetzt würden, mit unbewegter Miene geantwortet haben, „wenn der Herr sie reissen lässt“. Heute führen zu unserer Erleichterung Stufen hinauf. Meteora hat uns tief beeindruckt mit seiner atemberaubenden Kulisse:

Sehnsucht eines Zuges

Wie bereits erwähnt fuhren wir mit dem Zug nach Meteora. Passend zu der Zugfahrt nach Meteora findet sich nachfolgend eine kurze Geschichte eines Zuges.

Sehnsucht eines Zuges: Einmal unkontrolliert rollen. Einmal selbst die Weichen stellen. Einmal die Linie verlassen. Einmal entgleisen. Einmal überborden. Einmal von der Geradlinigkeit im Leben eines Zuges zur Kehrtwendung. Einmal seinem Führer im Kopf die Kontrolle nehmen. Einmal pünktlich ungeplant anderswo ankommen. Einmal überraschend die Linie eines anderen kreuzen. Abfahrt.

Festgefahren auf vorgefertigten Schienen. Einbahn. Ein Zweck. Transport. Hinfort. Von Ort zu Ort. Einer von Vielen. Einer. Eine Nummer. Aufgeteilt in Abteile. Er wäre gerne ein Aussteiger, ist aber an Haltestellen gebunden. Abfahrt.

Kein Lob für Zielerreichung. Keine Wertschätzung für Pünktlichkeit. Mechanisch wird er an Fremde angedockt. Verbunden für eine gemeinsame Reise. Eine eiserne Beziehung entsteht. Abrupt werden beide auf Nimmerwiedersehen getrennt. Für Wehmut bleibt keine Zeit. Abfahrt.

Pünktlich soll er wieder sein. Tag ein Tag aus die gleiche Strecke. Niemand würdigt seine massive Pracht eines Blickes. Mit Hochgeschwindigkeit an seiner Sehnsucht vorbei. Rasen. Zeitdruck. Das Leben als Bummler müsste es sein. Zeit haben. Durchschnaufen. Innehalten. Halt für Halt. Verspätung wäre Programm. Pünktlichkeit eine Feier. Abfahrt.

Das Herz schlägt unaufhörlich. Das Motorenöl pumpt durch sein Organismus. Er lebt. Auf Hochleistung. Sein Innenleben unkontrollierbar. Manchmal fühlt er sich leer. Anderntags ist er randvoll. Der Entleerung seines Darms folgt sogleich die Zufuhr. Abfahrt.

Viele Kilometer gefahren. Rastlos. Alt geworden. Ablösung durch die neue Generation. Abgestellt auf dem Abstellgleis. Vergessen. Nun Zeit zum Ruhen. Innehalten. Schnell langsam werden. Entspannen. Einschlafen. Ankunft.

Fotowand

Stufenloser Farbverlauf, Lefkada
Strandgespräche
Oft gesichtete Kirchen
Herbst
Mahlzeit
Fahrradleben
Delfin in freier Wildbahn
Demo in Athen
Cinque Terre in Griechenland
Geschmückter Weihnachtsbaum
Ein Olivenbaum mit Geschichte
Zwischen Spaghettibäumen
Olivenbaum mit Charakter
Nur nicht nach rechts umfallen
Adieu, bis morgen
Fischfang mit Wurfnetz
Fischfang ohne Wurfnetz
Geisterstadt in Steinlandschaft
Blick nach vorn und zurück
Medusas Werk
Griechischer Wein
Südlichster Punkt Europas (vom Festland)
Python
Nackenweh
Herbst 2.0
Regendusche
Katzenauffangstation
Fischerdorf, Mani
Gut erhaltene Steine