Einleitend möchten wir die liebevolle und unglaubliche Gastfreundschaft der Türk*innen hervorheben. Unzählige Male wurden wir zum Essen, Tee, Übernachten, Mitfahren auf dem Laderaum oder kurzen Wortwechseln am Strassenrand eingeladen. Für uns bleibende Erinnerungen.
Um Missverständnisse vorzubeugen, hier ein kurzer Abriss unserer Reiseetappen: Nachdem wir für einige Tage weiter durch Zentralanatolien radelten, erreichten wir die Schwarzmeerküste der Türkei und feierten dort die Weihnachtstage. Wir erlebten in der muslimischen Türkei die Stille Zeit auch wirklich als eine ruhige Zeit, entgegen des gewohnt hektischen Feiertagtrubels zu Hause. Danach konnten wir bei Fatih Zuhause in Trabzon für mehrere Tage nächtigen und unsere Velos vorübergehend unterstellen. Mit dem Bus ging es von dort zurück in die Zentraltürkei, um unseren schweizerischen Besuch über die Neujahrstage willkommen zu heissen. Nach der Abreise vom Papa von Jani sind wir nun mit dem Bus auf dem Weg in Richtung Georgien. Aber nun wieder zum Beginn der Chronologie, also Zentralanatolien:
Hammam
Unser Besuch eines türkischen Hammams. Nach Geschlecht getrennt. Tschüss, bis später. Viel Spass. Entkleidung. Einmantelung ins Badetuch. Etwas unbeholfen und orientierungslos stolpern wir je in die Hallen des Hammams.
Im Männerbereich: Rund 20 Männer gesellen sich schwatzend im Bad zu meinen Füssen. Um nicht hölzern zu wirken, steige ich sogleich zur Männerrunde hinab. Gegenseitig zugewandtes Kopfnicken. Siedend heisses Wasser. Mein Körper entrüstet sich. Meine Mimik cool und gelassen. Ich lasse mein Körper schulterhoch ins gefühlt kochende Wasser gleiten. Mantraartig versuche ich mir meine abhandengekommene Gelassenheit einzureden. Für mich unverständlich wie meine Badegenossen in diesem öffentlich zugänglichen Wasserkocher dem Leben friedfertig frönen können. Ihre kohleschwarz behaarten Männerbrüste ab der Wassertemperatur knallig leuchtend gerötet. Ich sehe rot. Beinahe schwarz. Ich halte es nicht mehr aus. Meine Organe werden wie im Steamer niedergegart. Benommen ziehe ich mich am Geländer hoch und wanke die Treppe taumelnd an den 40 Männeraugen vorbei hinauf in Richtung zweiter Halle. Meine Mimik versucht verkrampft weiterhin cool und gelassen zu wirken. Im vollends mit Marmor ausgekleideten Raum begebe ich mich ausgelaugt sogleich in die Horizontale. Nach einer kurzen Besinnungspause nehme ich die anderen Männer im Raum war. Der eine liegt bäuchlings auf dem in der Mitte des Raumes zentrierten Marmortisch mit allen Gliedern von sich streckend. Dieser wird von seinem Kollege abwechselnd kräftig und zärtlich mit einem in Seife getunkten Schwamm massiert. Ungewohntes Bild für mich. Zwei Männer, die sich halbnackt genussvoll gegenseitig von Kopf bis Fuss einseifen. Auch ich beginne mich einzuseifen.
Im Frauenbereich: Erfreut überrascht. Im heissen Wasser eingetaucht, aber unmöglich unterzutauchen, denn alsbald stellen sich mir die Frauen vor. Entgegen der bisherigen Erfahrung kommen die Frauen nun im geschlechtergetrennten Refugium interessiert auf mich zu. Nebst dem siedenden Bad und dem Einseifungsraum (analog eines Autowaschsalons, aber halt für Menschen) gibt es auch noch ein grosses Wasserbassin mit einer sich längs hinab schlängelnden Rutschbahn. Gemeinsam mit den Frauen gehe ich dort hinüber. Unverhofft hallt ein Schrei durch die Badehallen, der mir durch Mark und Bein geht. Eine Frau in ihren Siebzigern schlittert mit lauthalsem Geschrei die Rutschbahn hinunter. Das Reinplumpsen ins Wasser wird von mehreren Frauen oben auf der Rutschbahn und im Bassin bejubelt. Eine folgt nach der Anderen. Eine freudvolle und unbeschwerte Rutschpartie der Seniorinnen. Ausserdem springen ältere Frauen reihenweise wie asynchrone Synchronschwimmerinnen jauchzend vom Bassinrand ins Wasser. Losgelöst, ohne die Aufsicht der patriarchalen Männeraugen.
Rückblickend für uns verkehrte Welten in der patriarchalen Kultur. Die im Öffentlichen Raum ansonsten oftmals dominant auftretenden Männer zeigen sich im Hammam gleichgeschlechtlich von ihrer sinnlichen Seite. Die im Öffentlichen Raum ansonsten oftmals zurückhaltenden Frauen zeigen sich im Hammam auffallend ausgelassen.

Missverständnisse
Drei Tage nächtigten wir bei Figo in ihrem Zuhause in Ordu. Sie verpflegte, umsorgte und behütete uns wie Vogeleltern ihre Nestküken. Unterstützung und Mithilfe beim Nesten, der Futtersuche- und zubereitung oder Planen der Ausflüge wurde aus Gastfreundlichkeit heraus nicht akzeptiert. Sie stutzte unsere Flügel. An unserem ersten Abend bei Figo schmiss ein Freund von ihr (nennen wir ihn Mustafa) eine kleine Party und lud uns ein. Wir assen, tranken und tanzten ausgelassen in liberal türkischer Manier. Beim Tanzen glänzte uns während eines graziösen Hüftschwungs von Mustafa das Metall einer Pistole in seinem Hosenbund entgegen. Überrascht und interessiert fragten wir Mustafa etwas später, weshalb er eine Pistole bei sich trage. Die Frage errhaschte sämtliche im Raum anwesenden Ohrmuscheln. Die zu den Ohrmuscheln zugehörigen Munde antworteten: „Viele Menschen würden hier solche tragen und er besitze einen Waffenschein.“ Bald darauf versuchten uns eifrig alle Munde im Raum zu beteuern, dass wir sicher seien und sie nicht ängstigen müssen. Aufgrund von trivialen Englischkenntnissen kam es zu Verknotungen in der Kommunikation. Es entstand die skurrile Situation, dass wir während zehn Minuten unseren Gastgeber*innen zu versichern versuchten, dass wir wiklich keine Angst vor ihnen haben und uns bei ihnen wohl fühlen. Letzten Endes ein schöner Abend mit sprachlichen Barrieren.
Historisches Kappadokien
Das an der Seidenstrasse liegende Kappadokien war eines der wichtigsten frühchristlichen Zentren. In den ersten Jahrhunderten nach der Kreuzigung von Jesus Christi wurden die Urchristen als Ketzer von den römischen Imperatoren verfolgt. Viele Glaubensverbündete sind von Jerusalem aus in die Region von Kappadokien geflohen und haben sich im weichen, vulkanischen Tuffgestein Höhlen sowie unterirdische Siedlungen herausgeschlagen, um sich darin niederzulassen und ihre Religion frei auszuüben. Mit den in den Fels gehauenen Klöstern und Kirchen nahmen in der Zentraltürkei die christlichen Klöster ihren Anfang. Die Felsenarchitektur, in welcher die Formen der Gebäude im Negativ erfolgten, indem nicht durch Aufbau sondern durch Aushöhlung Räume geschaffen wurden, ist kennzeichnend für die bewohnte Vulkanlandschaft Kappadokiens.
Unser Eintauchen in die Geschichte Kappadokiens liess uns einige Parallelen zwischen der Verbreitung des Christentums sowie der Apostelgeschichte und heutigen Gegebenheiten erkennen. Die Apostel waren in ihrem Selbstverständnis zur Verkündigung des christlichen Glaubens berufen. Von Jerusalem aus reiste der Apostel Paulus ungefähr 50 n. Chr. auf einer seiner Missionsreisen auch durch das heutige Kappadokien. Paulus verkündete das Leben Jesus Christi sowie die Botschaft vom Reich Gottes und gründete jeweils vor Ort christliche Gemeinden. In Scharen folgten die Menschen den Aposteln. Aus heutiger Zeit lässt sich historisch ein Bogen zeichnen von den Urchristen zu den Touristen. In Scharen folgt man heute den Touristen:
Mal wieder Hunde…
Den wirklichen Hergang zum obigen Apostel-Video wird nachfolgend geschildert: Als wir uns frühmorgens auf den Weg machten, um die in die Lüfte steigenden Ballone zu beäugen, liefen uns vier Strassenhunde zu. Wir tauften sie Sofia, Bruno, Roberto und Anja. Über mehrere Kilometer hinweg geleiteten sie uns. Roberto stolzierte vorab. Anja und Sofia flankierten uns. Bruno trottete behutsam nach. Rudelbildung. Oder Begleitschutz. Hier die Vorstellung der Hunde samt Bild:
Schritt um Schritt und Pfote um Pfote verliessen wir das Städtchen und näherten uns den Felsen. Uns war zu diesem Zeitpunkt unbewusst, dass die Felsen als Schlafplätze von anderen Strassenhunden dienen. Wecke keine schlafenden Hunde, so rät man. Blitzartig kam uns aus einer Felsspalte heraus eine Hundebande mit 13 Mietgliedern entgegengeschossen. Territorialer Revierkampf. Unser Rudel chancenlos. Sofia und Bruno flohen in die eine Richtung. Roberto und Anja in die Andere.
Wir drei waren glücklicherweise nicht Gegenstand des Interesses der dominanten Hundebande.
Nächstentags. In aller Frühe. Zu dritt verlassen wir erneut unsere Bleibe mit dem Vorhaben der Ballonsichtung. Alsbald findet ein neuer Strassenhund grossen Gefallen an uns. Das kurze Taufprozedere resultiert im Namen Jimmy. Jimmy, der schöne Schäferhund, stellt sich als Capo der Ortschaft heraus. Wild bellend streift er in Häusereingänge, durch Strassenecken und verlassene Unterstände. Nach wenigen Minuten hat Jimmy eine Hundekompanie von 12 Mitgliedern zusammengetrommelt. Gemeinsam verlassen wir die Ortschaft in Richtung Felslandschaft. Die gestrige Konfrontation mit der Hundebande liegt uns noch schwer in den Knochen und wir möchten eine ebensolche eigentlich vermeiden. Allerdings führt kein Weg an der Hundebande vorbei. Wir drei sind angespannt wie ein Pfleilbogen. Wir wollen nicht vor die Hunde gehen. Unsere Hundegarde ist wachsam und vital. Erneut wecken wir schlafende Hunde.
Unsere lose zusammengewürfelte Hundekompanie hat die Vorherrschaft der Hundebande unterbunden und diese bellend in die Schranken gewiesen. Wir sind erleichtert. Wir als Schwerizer*innen haben nun sozusagen getreu unserer schweizer Söldnervergangenheit für die türkische Hundekompanie gekämpft. Die Hundekompanie kämpft übrigens nicht nur in wilder Manier gegen andere Hundebanden, sondern auch gegen jedes vorbeifahrende Auto.
Gemeinsam laufen wir einige Kilometer weiter durch die Gegend und die Strassenhunde wachsen uns ans Herz. Wir fühlen uns als Teil des Rudels. Nur das Bellen will uns noch nicht so richtig gelingen. Als wir in die Ortschaft zurückkehren erhalten wir von den Menschen ungläubige Blicke. Drei Menschen mit einer derartigen Hundebegleitung im Schlepptau ist offensichtlich nicht alltäglich. Für uns eine schöne Verbindung zwischen Mensch und Tier. Wobei wir ja auch Tiere sind, nur begreifen wir uns wohl weniger als Teil der Natur und dahingehend waren wir dann auch schockiert ab der Konfrontation mit der Realität der Natur. Unsere Hundekompanie stöberte zwei Meter vor uns bellend eine Katze auf. Bellende Hunde beissen nicht, so sagt man. Nicht in diesem Fall. Die Katze überlebte nicht. Die Hunde vorhin noch derart artig und ein Wimpernschlag später unverhohlen abartig.
Video
Für den zweiten Teil der Türkei haben wir erneut ein Film zusammengeschnitten. Presented by Universal Studios in cooperation with the Walt Disney Company:
Höhenflug
Wir konnten die Ballontouristen eingebettet in die realitätsfern erscheinende Landschaft bei optimalen Wetterbedingungen bestaunen. Allesamt haben sie die Bodenhaftung verloren. Wir haben den Abgehobenen auf ihrem Höhenflug geerdet von unten zugeschaut, denn wir sind dabei am Boden geblieben. Hier einige bodenständige Impressionen:





























