1.8 Georgien – Armenien – Istanbul

In diesem Blogbeitrag unternehmen wir mit Dir als lesende Person eine Reise analog unseren langen Fahrten per Bus oder Autostopp durch Georgien, Armenien und bis nach Istanbul. Mach es dir gemütlich. Schnall dich an. Wir werden von Erlebnis zu Erlebnis reisen. Wenn dir schlecht wird, wirf den überflüssigen Ballast aus dir raus.

Während unseren langen Reisen schauten wir jeweils verträumt aus dem Fenster und gingen den essenziellen Sinnfragen des menschlichen Lebens nach:

Hat ein Maulwurf jemals sein Maul geworfen?

Ist eine Armee mit Soldaten ohne Arme arm?

Sollte ich meinen Kopf in Kleister tauchen?

Würde ich mit einem Dachs auf meiner Schulter respektiert?

Wo befinden sich Grenzen?

Wie wäre mein Leben, wenn ich von Menschenaffen grossgezogen worden wäre?

Wie sähe eine Welt aus nur mit Fragen, aber ohne Antworten?

Laufen Hunde, wenn niemand hinschaut, manchmal auf zwei Beinen?

Bin ich tüchtig, wenn ich meinem Nachbarn regelmässig die Schnürsenkel durchschneide? Ist das überhaupt sinnvoll?

Ist eine Giraffe insgeheim ein gieriger Affe?

Sind Piloten abgehoben?

Ist der Strohhalm inspiriert vom Rüssel eines Elefanten?

Gehts bei einer Tracht um Macht?

Würdest du heute sterben, könntest du damit leben?

Ode ans Rad

Wir haben in den letzten drei Wochen aufgrund der kalten Jahreszeit vom Velo auf den Öffentlichen Verkehr umgesaddelt. Wir verfahren damit gut. Wir verfahren uns nicht. Der Bus fährt gut. Die Heizungen sind gut. Der Regenschutz ist gut. Die klaren Abfahrts- und Ankunftszeiten sind gut. Die Struktur ist gut. Die Abwesenheit des Windes ist gut. Das Sitzpolster ist gut. Die Geschwindigkeit von A nach B ist gut. Wir halten uns zu Gute, dass es gut ist. Es ist jedoch auch alles etwas zu gut. Uns fehlt bei dieser Reiseform die Intensität. Uns fehlt die Achterbahnfahrt der Gefühle. Uns fehlen die unfassbaren Glücksmomente. Uns fehlt die Ratlosigkeit in vermeintlich aussichtslosen Situationen. Uns fehlt es, die breite Fülle des Lebens zu erfahren. Uns fehlt das ersehnte Znacht nach einer langen Velotour. Uns fehlen das Zuwinken und die Einladungen von Einheimischen. Uns fehlen die Gerüche. Uns fehlen die Eskapaden. Uns fehlt die Freiheit. Uns fehlt die abendliche glückliche Erschöpfung. Ein kleines Abenteuer. Alles gehört irgendwie dazu. Die Situationen vergehen. Die Erinnerungen bleiben. Je nach Lebensphase schleicht die Zeit dahin, kommt die Zeit erst noch, gehen wir mit der Zeit, eilt die Zeit voraus oder vergeht die Zeit. Aktuell haben wir Zeit.

Die Reise mit dem Bus ist kostspieliger, aber für uns weniger kostbar. Der Bus ist als Abwechslung willkommen. Aber ich will kommen per Rad. Wir wollen kommen per Rad. Wir wollen langsam ankommen. Es wäre ja auch schade um die Zeit, wenn wir schnell ankämen. Eine liebeserklärung an Fahrradreisen.

Fragen des Lebens

Und bereits schon wieder sitzen wir im Bus und fragen Fragen:

Wie würde es wohl aussehen, wenn eine Giraffe mit einem Dackel die Beine tauschte?

Warum erlaubt sich die Natur keine Spässe?

Glaubt Gott an sich?

Sollte ich mehr zweifeln?

Würde ich dann länger leben?

Wie würde klassische Musik schmecken, könnte man sie essen?

Können wir die Grenzen von Sprache benennen?

Stören sich Wolken an Wolkenkratzern?

Wäre das Leben ohne Kleider hemmungsloser?

Könnten Fischer*innen sich nicht einfach stets denselben Fisch zuwerfen, damit weniger Fische zu fangen wären?

Ist ein schöner Traum von den Alpen auch ein Alptraum?

Ist Lieben politisch?

Liesse es sich mit Hufen besser stolzieren?

Verkehrt der Öffentliche Verkehr insgeheim auch im Privaten?

Wird ein Hassbrief, der mit Liebe verfasst wurde, zum Liebesbrief?

Feurige Nonnen

Im hohen Kaukasusgebirge liefen wir uns auf Wanderungen die Füsse warm. Eine dieser Wanderungen schlang sich für mehrere Stunden durch ein schmales Tal und eröffnete uns nach einer Rechtsabbiegung die Weitsicht auf offenes Gelände mit thronenden Berggipfelis am Ende (oder wie man im Französ*innenland zu pflegen sagt; montagne-croissants). Einer der sich am offenen Tal schmiegenden Hügel stach mit seinem schwarzen Körper aus dem sonst bräunlichen Farbbild heraus. Wir wunderten uns ab der vermeintlich andersartigen Vegetation. Mit dem Foranschreiten näherten wir uns mitten in der Einöde des Kaukasus einem Frauenkloster und wurden sogleich zu Kaffee und Kuchen herangewunken. Hinter dem Kloster konnten wir nun das schwarze Kleid des Hügels als verbrannte Flora identifizieren. Das Kloster war keine drei Meter von der verbrannten Pflanzenwelt entfernt. Kaffeenippend fragten wir die beiden Nonnen, was den passiert sei. Sie entgegneten, dass sich vor zwei Tagen eine Feuerwalze vom Hügel bergab bis knapp zu ihrem Kloster den Weg bahnte. Sie hätten schauriges Glück gehabt. Konsterniert stellten wir uns die Szenerie von vor zwei Tagen vor. Als wir uns von den beiden Nonnen verabschiedeten, sahen wir etwas weiter entfernt vom abgebrannten Hügel noch ein feinsäuberlich verkohltes Gartenbeet und einen danebenliegenden Kanister. Feuer wird bekanntlich als Unkrautvernichter eingesetzt und kann mittelfristig im Boden den Pflanzenwuchs befördern. Der logische Schluss liegt nahe, dass das Feuer gelegt wurde und sich mit dem Winde versälbständigte. Eine abstruse Vorstellung: Irgendwo in der Pampa im tiefen Kaukasus fungierten zwei christlich-orthodoxe Nonnen versehentlich als Brandstiferinnen und fackelten einen Hügel ab.

Kloster
Hügel im Grossformat

Fragen des Lebens

Auf der Suche nach Antworten setzten wir uns wieder in einen Bus und sinnierten:

Sollte ein Ferrari nicht einen gesellschaftlichen nutzen erbringen und ein Kartoffelfeld pflügen müssen?

Kann ich mich sein, wenn ich nicht weiss, wer ich bin?

Was wäre nicht wert bemerkt zu werden?

Bräuchte der Aussichtslose bloss höher klettern?

Ist Liebe Entscheidung?

Benutzt eine Person andere Farben, wenn das Selbstbild mit dem Fremdbild nicht übereinstimmt?

Ist es völlig Banane einen schimmelnden Apfel zu essen?

Wenn ich jede Regel breche, bleibe ich dann den Regeln treu?

Ist ein Kinder bringender Storch das unbefleckte Empfängnis?

Wie sehen Zukunftspläne einer Eintagesfliege aus?

Ist die vor mir herlaufende Kuh allenfalls die Reinkarnation von Muuuuuhathmah Gandhi?

Schmettern die Flügel eines Schmetterlings beim Fliegen?

Helfen mir diese Fragen im Leben weiter?

Angespannt

Die Georgier*innen begegneten uns im ersten Moment oftmals etwas distanziert und mit missmutiger Skepsis. Dies solange bis aus unserem Mund englische Worte ohne russischen Akzent quollen. Schalter um. Die Missbilligung in der Mimik löste sich, die Tonlage wurde sanfter und der Blick zugewandter. Die Frage nach unserer Herkunft beantworteten wir mit „Shveitsaria“. Uns wurden durch ihre Reaktion darauf mit „Schönes Land. Sicheres Europa.“ unsere Privilegien in Erinnerung gerufen. Georgien als einer von vielen Nebenschauplätzen des Angriffkrieges in der Ukraine.

Nachfolgender Inhalt speist sich aus vielen Gesprächen und stellt ein Sammelsurium aus Erzählungen dar und ist sicherlich stark aus subjektiven Empfindungen, Sozialisationen, Deutungen etc. geprägt und nicht unabhängig überprüft. Es sind einige erfahrungsbasierte Blickwinkel. Einige von Vielen.

Die georgische Regierung bezieht mehrheitlich aufgrund wirtschaftlichen und machtpolitischen Interessen die prorussiche Position. Dies entgegen der grossen Mehrheit der georgischen Bevölkerung, die Flagge zeigt und sich mit der Ukraine solidarisiert. Nicht nur metaphorisch zeigt die Bevölkerung Flagge, sondern auch in fast jeder Strasse:

Die Spannungsfelder sind in vielen seperaten Gesprächen mit Georgier*innen und Russ*innen für uns förmlich spürbar. Die jüngere Geschichte Georgiens ist eng verwoben mit dem grossen Nachbar. Die verachtende Haltung vieler Georgier*innen gegenüber Russ*innen ist unter anderem das Resultat der russichen Besetzung Georgiens von 1921 bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahr 1991 und dem Einmarsch Russlands in Georgien im Jahr 2008 mit dem Fünftageskrieg um die Regionen Abchasien und Südossetien als Folge davon. Aktuell gedeiht die Missgunst weiter wegen des Angriffskrieges Russlands in der Ukraine und den steigenden Lebenshaltungskosten in Georgien. Beispielsweise können Einheimische in den Städten ihre teils fast verdoppelten Mietzinse nicht mehr bezahlen und müssen ihre Mietwohnungen zahlungskräftigeren Russ*innen überlassen. Dies ist die eine Realität.

Die andere Realität sind die zehntausenden Russ*innen, die aus etwelchen Gründen (Oppositionelle, Flucht vor Mobilisation, Ablehnung des Putinregimes, Verurteilung des Angriffkrieges etc.) flüchten mussten und in Georgien von Seiten Vieler nicht willkommen sind. Bei vielen Georgier*innen entsteht eine Verschränkung zwischen der Ablehnung Russlands, der Angst vor Russland und der Solidarität mit der Ukraine. In den Strassen markieren pauschalisierende und differenziertere Statements diese Verschränkung:

Die geflüchteten Russ*innen sind gemäss unserer Erfahrung selbst stark befremdet von der eigenen Regierung. Resultierend ist eine Flucht in die fremde Freiheit. Hoffnungen wurden zerschlagen. Neue Wurzeln sind zu schlagen. Entfremdet von den Liebsten. Fremd sein im neuen Zuhause. Mit dem eigenen Pass als Repräsentationssymbol für einem selbst Fremdes fungieren. Nicht mehr als Mensch gesehen zu werden, sondern als Symbol. In einer nicht gewählten Rolle. Das eigene Sein als Politikum. Als wäre man in ein Theater reingestolpert. Und sogleich auf der Bühne gelandet. Scheinwerferlicht. Die Augen im Publikum erwartungsvoll. Oder vorwurfsvoll? Ein Theater mit Drehbuch. Kein Improvisationsthater. Die Rollenverteilung ist vorab erfolgt. Keine Möglichkeit auf deren Einflussnahme. Das Theater ist öffentlich. Keine private Vorführung. Persönlich in der zugewiesenen Rolle vorgeführt. Kein Mikrofon vor sich stehend. Selbst einfach auf der Bühne stehend. Irgendwann kommt die ersehnte Pause. Die Pausenverpflegung ist angerichtet. Aber alle bleiben sitzen. Scheinwerfer scheinen weiter. Es ist eben kein Theater. Und es gibt keine Pausen. Keinen Applaus. Selbst weiter auf der Bühne stehend. Man kann nicht von der Bühne runter. Oder weg. Man kann nicht zurück. Es gibt im Moment nur dieses Schweinerferlicht und diese Augen.

Wir möchten bezüglich diesem Spannungsfeld uns kein Urteil anmassen. Wir kennen die Hintergründe, Geschichte, Abhängigkeiten etc. bei weitem viel zu unzureichend. Die Sorgen, Unsicherheiten, Missgunst und Ängste sind für uns sehr verständlich. Für uns stellt sich bezüglich des künftigen Zusammenlebens die Frage, wer soll für was verantwortlich gemacht werden und wie kann man wissen, wer für was verantwortlich ist. Wir sehen die Notwendigkeit für das Zeichnen von differenzierten Bildern, um Spaltung zu verhindern. Aber es ist auch sehr trivial, dies von unserer Warte aus zu sagen und wir wissen nicht, ob überhaupt angebracht. Wir haben als von Dritten gelesene Russin und gelesener Russe die skeptischen Blicke auf der Strasse, im ÖV oder beim Einkaufen selbst erfahren, aber können im Gegensatz zu den geflüchteten Russ*innen die Theaterbühne mit der Nennung unserer Herkunft problemlos wieder verlassen.

Anmerkung: Im Nachbarland Armenien hingegen nimmt Russland für grosse Teile in der Bevölkerung eine positiv konnotierre Rolle ein, da Russland als Schutzmacht fungiert und Sicherheit vor der Türkei und Aserbaidschan gewährleistet. Mit der Invasion in der Ukraine haben die Fähigkeiten von Russland als Sicherheitsgarant jedoch abgenommen.

Fotowand

Nachfolgend haben wir noch ein paar moderne Dias von Georgien, Armenien und Istsnbul an die Wand gepinnt:

Über den Wolken, Georgien
Altstadt in der alten Stadt, Tiflis
Georgisches Hammam
Weihnachtsgeleuchte
Renovationen, Tiflis
Träume
Treppenwirrwarr, Tiflis
Nachtleben in Tiflis
Katzenbegleitung im Nachtleben
Neu und alt, Tiflis
Kiosk
Innenhofeinblick
Georgischer Wein, ziemlich fein
Ski fahren im Kaukasus
Eisig gelaunt
Autostopp mit LkW
Grosse Bauten aus der Sowjetzeit, Armenien
Kleinere aus der Sowjetzeit, Armenien
Traditionelle Bäckerei
Jerewan, Armenien
Teppichhändler
Armenien
Gata, bestes Gebäck
Klirrende Kälte
Vorspeise
Wie kommen wir da wieder runter?
Weit weg
Blubberbad
Irgendwo im nirgendwo
Natürlicher Felsen
Kloster in der Einöde
Waschzeit in Armenien
Kaukasus
Armenien
Hatchiko, unsere zugelaufene Begleitung
Knuddelbär
Wackelige Angelegenheit
Beste Freunde
Riesenrad, Georgien
Urbanes Stadion, Istanbul
Verbindungsbrücke Europa und Asien, Istanbul
Länggass Tee
Auf dem Bosporus, Istanbul
Ein Mosaik aus Mosaiken, Istanbul
Nur nicht niesen
Mitten im Glück