Italia, ach Italia. La dolce far niente. La dolce vita. Von wegen. Getreu unserer Reise; jedem Land unsere Illusion. Ohne die Wettervorhersagen einmal zu lesen, erreichten wir mit der Fähre den Hafen von Bari. Erstentags wurde unser illusorisches Bild vom sonnenverwöhnten Italien noch bedient. Aber tagsdarauf lehrte sich über uns der Himmel aus. In den Folgetagen sanken die Temperaturen wie auch unsere Zuversicht auf wohltemperierte Fahrradtage. Italien wartete mit Kälte auf, so dass eine frisch gebackene Pizza Gefahr lief, sich in kürzester zu einer Tiefkühlpizza zu verwandeln. Die italienischen Wettervorhersagen hatten leider in etwa den Wahrheitsgehalt von einer Hellseherin und folgenschwer schwingten wir uns oftmals gutgelaunt auf unsere Drahtesel und wurden überrascht ab der mies gelaunten Witterung. In der ersten Woche wurden wir von Schneefall, Hagel, Regen und Wind vermöbelt. Unsere Ankunft in Italien kann man sich zum Verständnis in etwa so vorstellen: Du hast einen Flug nach Dubai gebucht, um dem Winter in der Schweiz zu entfliehen. Dein Gepäck ist ausgestattet mit leichter Bekleidung, einem Dubai Reiseführer und wenigen arabisch Kenntnissen, die du dir angestrengt im Vorfeld angeeignet hast. Kurz vor Anflug des Flughafens ertönt im Flieger die Durchsage: „In wenigen Minuten landen wir mit einer Verspätung von 15 Minuten in Stockholm. Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Aufenthalt.“
Glücklicherweise hielt der Kälteeinbruch nur eine Woche an und dann zeigte sich uns Italien in gewohntem Bilde und wir konnten wieder mit Leichtigkeit durch den Tag rollen. Kalabrien und Sizilien sind unglaublich schön für Fahrradreisen – selbstredend schon nur des Essens wegen. Je mehr wir in Kalabrien südöstlich fuhren desto mehr schien es uns, als wäre die Zeit stehen geblieben oder sie zumindest langsamer zu laufen scheint. Ein Italien wie wahrscheinlich von vor 40 Jahren. Wunderschöne Küstenstrassen, wenig Verkehr, fast keine Touristeninfrastruktur und verschlafene Fischerdörfchen. Und dann Sizilien… Ja was sollen wir sagen? In Sizilien werden wir mit dem Rad gewiss nochmals reisen kommen. Das ist wohl Aussage genug.
Zitterpartie
Die Brücken in Italien haben uns altern lassen. Sorgenrunzeln sind hierfür die falsche Beschreibung. Es müsste treffender die Rede von einem Sorgenplfug sein, der Furchen in unsere Gesichter zog. Die Brücken schienen öfters kurz vor der Einsturzgefahr zu sein und waren bezüglich Statik weniger stabil als ein Zwieback. Der Beton der Brücken hat sich jeweils von selbst verbrösmelet und schien schier ein Eigenleben fern des Brückendaseins führen zu wollen. Die fotografische Dokumentationsreihe der regionalen Brückenverhältnisse ist leider nicht zuzumuten und unterliegt wahrscheinlich dem Jugendschutz. Das Fotomaterial ist aufgrund des verstörenden Inhalts mit dem Risiko von Entwicklungsstörungen in der Adoleszenz für Jugendliche unter 18 Jahren nicht geeignet und deshalb können wir die Bilder hier an dieser Stelle nicht veröffentlichen. Auf Anfrage können wir diese jedoch gerne zustellen unter der Bedingung der Unterzeichnung einer Verschwiegenheitserklärung und dem Versprechen zur nicht-komerziellen Nutzung.
Nachtrag: Nach diesen 5 Wochen in Italien sind wir nicht sicher, ob wir uns dem Hang zum Drama auch etwas hingegeben haben.
Anders gleich
Reisen ist auch Heimkommen. Nach Monaten in für uns neuen Kulturen waren wir überrascht, wie beglückt wir uns fühlten im italienischen Supermarkt gewohnte Produkte wiederzufinden oder einer gewohnten Sprache zu lauschen. Wir fühlten uns weniger exponiert. Auch in Italien verdrehen sich die Halswirbel der Menschen teils um fast 180 Grad, wenn wir sie passieren. Aber wegen den bepackten Rädern und nicht wegen unserem westlich gelesenen Aussehen. Zum Wohlsein ist nebst der sozialen auch die kulturelle Zugehörigkeit wichtig. Erst im Nachgang merkten wir, dass dieses stetige ausgestellt sein auf Dauer anstrengend sein kann, insbesondere für Gérie als weibliche Person. Darin wirkt der Umstand mit, dass in einigen Ländern im Öffentlichen Raum kaum Frauen wahrzunehmen waren. Auffallend als anders wahrgenommen zu werden ist wohl tagtägliches Schicksal Vieler überall auf der Welt. Was es bedeutet, keine Wahl zum Ausweg von dem zu haben, können wir nur erahnen. Hierzu eine kurze Geschichte vom Gegenteil:
Spiel und Spass auf dem Pausenhof. Das Gegenteil steht mal wieder alleine. Es hat nichts gegen die anderen Teile. Alleine am Rand ohne eines Gleichen. Seinesgleichen sind trotzdem Gegenteile. Und die gleichen Teile gleichen dem Gegenteil keinesgleichen. Die Gleichen gleichen sich im Sein vom Gegenteil das Gegenteil zu sein. Anders sein ist dem Gegenteil nicht gleich. Es möchte nur gleich sein…
Verloren
Nachfolgend noch ein in Bezug zu diesem Blog zusammenhangsfreies Geschichtli – entstanden an einem regnerischen Tag in Palermo, Sizilien:
Ich meine zu wissen, dass ich ihn vorhin noch zu haben schien. Auf dem Weg vom Bahnhof zur Zytglogge meine ich ihn mindestens noch einmal gebraucht zu haben. Aber jetzt scheint er mir abhandengekommen zu sein – ich habe meinen Verstand verloren. Irgendwo liegengelassen. Vielleicht unter der Parkbank, auf welcher ich gesessen zu haben schien. Aber wie will ich mich da nun daran erinnern ohne Verstand? Was bleibt mir ohne Verstand? Ein einsamer, fleischiger Körper ohne Orientierung schwebend im schwerelos erscheinenden Raum. Ich glaube zu merken, wie ich langsam auch die Geduld verliere. Ich suche meinen Verstand aufgepeitscht von der Angst, die Geduld auch noch zu verlieren, aber ohne Verstand verstehe ich die Technik des Suchens nicht mehr. Zerzaust passiere ich zufälligerweise ein Fundbüro und dessen Personal sieht mir sogleich meinen Verlust an. Eilig schauen sie, ob jemand meinen Verstand abgegeben hat. Verständnislos schaue ich ihnen bei der Suche zu. Sie haben nichts und beteuern mir, dass er sicher noch auftauche. Aber ich verstehe sie ohne Verstand ja ohnehin nicht. Und so irre ich weiter durch die wirren Zustände eines zu werdenden Irren. Ich meine zu merken, wie ich die Geduld zusehends verliere. Ohne Geduld und ohne Verstand auf die Suche zu gehen, ist für jemanden mit Verstand wohl blanker Irrsinn. Gut für mich, die Hoffnung habe ich nicht verloren.
Fötelis
Abschliessend öffnen wir wieder unser Fotoalbum. Vorwegzunehmen ist, dass wir zweimalig hohen Besuch aus der Schweiz enpfangen durften; Einerseits auf Sizilien den feinsäuberlich eingefedälten Überrschungsbesuch zum 30. Geburi von Gérie (Schwester und Mutter von Gérie, Joséphine und Irène). Randnotiz: Bei der Begrüssung hat Jani vor Freude Joséphine ein bitzeli schüürli fest gedrückt und ihr leider das Schlüsselbein gequetscht.
Andererseits führen bekanntlich alle Wege nach Rom – auch der von Corinne. So kam es, dass wir uns während ihrem Besuch in Rom gemeinsam durch die Tage gegessen haben.

























































































