1. Nicaragua

Augen auf beim Surfen

Frühmorgens vergnügte Jani sich in den Wellen. Gérie sass mit Kaffee und Buch auf der erhöhten Hostelterrasse nebenan – ein Beobachtungsposten, ähnlich einer Ausgucksplattform auf einem Segelschiff. Je nachdem wie mitreissend die Lektüre war, erspähte die Leserin die sich anbahnenden Gefahren früher oder später. Gérie tauchte in die Geschichte ein und Jani durch die Wellen hindurch. Durch den literarischen Tauchgang konnte sich Gérie träumend in den Gedankenwelten der Autorin verlieren. Die reale Welt jedoch blökte aufdringlich nach ihrer Aufmerksamkeit. Gérie löste sich aus dem fesselnden Buch, wie einst Houdini sich aus seinen Ketten, und wandte sich der brausenden sowie zischenden Brandung zu. Nur eine mittlere Schwimmstrecke entfernt, erblickte Gérie eine sich rhythmisch in den Wellen auf- und abtauchende Silhouette, die an eine imposante Rückenflosse erinnerte. Gérie wollte Jani bereits aufgeben, aber er ist ja kein Paket. Wild gesikulierend versuchte sie Jani vor dem vermeintlichen Tod zu bewahren. Jani freute sich und winkte munter zurück. Nach wenigen Sekunden erkannte er, dass es keine Geste der Ermutigung, sondern eine gezielte Botschaft war. Schlagartig schien Jani mit seinem scharfsinnigen Verstand und Sehvermögen ihre Gestik richtig zu deuten; Gérie möchte ihm verdeutlichen, wo die Wellen schöner brechen. Nur leider konnte er ihre sehr bemühten Hinweise nicht ausreichend scharf erkennen. Würde er doch nur seine Linsen tragen! So kam es, dass die beiden sich mit lebhaften Gesten unterhielten, ohne einander je zu verstehen.

Aussichtsplattform

Ein Geschenk mit Tüken

Unser Oktober; drei Wochen Sprachschule und dann eine Woche horizontal ans Bett gefesselt. Die ersten drei Wochen waren wunderbar. Doch die letzte Woche im Oktober war eine Tragödie. Es war ein Jammerspiel, das seinesgleichen sucht. So etwas hatten wir beide bislang noch nie erlebt. Aber beginnen wir von vorne.

Schweren Herzens verabschiedeten wir uns von Daniel, unserem Sprachlehrer. Auch sein Herz wog schwerer als üblich und er schenkte uns zum Abschied eine von seiner Mutter aufwendig zubereitete Spezialität – Indio Viejo. Unseren Gaumen mundete es vorzüglich, nicht jedoch unseren Mägen. Die Vermutung lag nahe, dass uns Daniel zu vergiften versuchte – doch das schien uns dann doch etwas übertrieben. Unsere Mägen überschlugen sich ungezähmt, machten selbstbestimmt Hechtrollen und einen Purzelbaum. Das Fieber, gepaart mit diesen akrobatischen Magenübungen, peitschte uns vor sich her. Bei 35 Grad Aussentemperatur lagen wir mit all unseren Kleidern und den Daunenjacken unter je zwei Wolldecken. Das Fieber hatte die Zügel fest im Griff und wir waren ausgeliefert wie Schweine auf der Schlachtbank. Von unseren schwindenden Kräfte gezwungen, begaben wir uns für mehrere Tage in ein Schweigeseminar, fast wie in einem Kloster – ein modernes Kloster, nicht nach Geschlechtern getrennt. Ein geteiltes Bett. Kaum Worte. Das höchste der Gefühle war das noch mögliche kurze Händehalten – ganz im katholischen Sinne ohne jede Gefahr unehelicher Nachkommen. Nach 7 Tagen wurde unser Martyrium endlich gnädiger. Wie die Haut eines Chamäleons färbte sich auch unsere wieder in die uns vertraute Farbpalette und kurze Spaziergänge am Strand ersetzten die beschwerlichen Leidensgänge zum Wasserkauf im Lebensmittelladen. Wir waren überglücklich, als wir allmählich wieder bissfeste Kost zwischen unsere fast überflüssig gewordenen Zähne bekamen.

Die trügerische Verheissung

Fahrradeln

Fahrradtechnisch gesehen waren wir bislang wie ein ausrangierter Öltanker – imposant vielleicht, aber ohne jede Bewegung. Einen Monat blieben wir stationär. Die Waden begannen zu zucken, als wollten sie endlich ihrer Bestimmung folgen. Die Vorfreude stieg, beim stoischen Trampeln den Verstand wieder spazieren zu führen. Fahren, um des Fahrens willen.

Unser erster Fahrradtag. Der Nachttisch vibrierte unverschämt aufdringlich. Das kleine Erdbeben mit der Gefahrenstufe 0,5 wurde mit einem müden Fingertipp auf dem Smartphone unverzüglich beendet. Wo einst ein Hahn im Hinterhof den Tagesanbruch verkündete, übernimmt heute das Smartphone umbarmherzig sowie pünktlich und prügelt einen in aller Frühe ins Wachbewusstsein. Es war 05:30 Uhr. Kurz nach Sonnenaufgang. Die Vögel sangen ihre Melodien. Die Sonne blinzelte farbenfroh in der Morgendämmerung. Die Ton- und Lichttechniker:innen der Natur leisteten fleissig ihre Dienste. Das Bühnenbild zeigte die vom nächtlichen Regen in Schlamm verwandelten Dschungelstrassen. Keine Fahrzeuge. Nur ihre Spuren. Für das Drehbuch war kein Drama vorgesehen. Auch kein Theater. Gespannt bereiteten sich die Protagonist:innen auf die anstehende Fahrradtour vor. Jedem Tag seine Geschichte. Jeder Neugier ihr Erlebnis. Jeder Begegnung ihr Lächeln. Jeder Pedalumdrehung ihren halben Meter. Jeder Abfahrt ihre Ankunft.

Zeitgenössische Diashow

Grossfamilie
Kleinfamilie
Häuser der Locals
Hostels der Tourist:innen
Wochenende
Verlängertes Wochenende
Mariposa
Spanischunterricht
Buenos días
Ohne Aromat
Hells Angels
Holper gestolper
Surf amigo
Paradiso
NICHT ESSEN
Kompotleckereien
Kompostleckereien
Sushi
Wohnzimmer