4. Nicaragua – El Salvador

Corn Island

Corn Island wurde uns als karibisches Paradies angepriesen. Doch Paradiese offenbaren sich bekanntlich nicht ohne Prüfung und werden einem niemals geschenkt. Der Weg ins Paradies ist mit beschwerlichen Hürden gepflastert. Auch bei uns war es nicht anders: Zuerst ruckelten wir acht Stunden mit einem beinahe auseinanderfallenden Bus auf holprigen Irrwegen, um dann später mittels Boot und Fähre übers Wasser auf die Insel gelangen zu können. Bei der Ankunft nach der langen Busfahrt realisierten wir das in den nächsten zwei Tagen keine Boote verkehren würden. Doch eine Frau erwähnte beiläufig eine Fähre, die angeblich bald ablegen sollte. Ohne zu zögern steuerten wir sie an. Die Fähre war rostig, knattrig und hie und da notdürftig zusammengeflickt – mehr Versprechen als Gewissheit, doch unsere einzige Hoffnung auf eine Weiterreise.

Transportiert wurden Schweine, Hühner, Früchte, eine handvoll Menschen und alles andere sich erdenkliche. Sitz- oder Schlafplätze gab es keine. Zum Glück hatten wir eine Hängematte dabei, die wir uns teilten. In freudiger Erwartung des bevorstehenden Abenteuers – und ahnungslos gegenüber dem nahenden Ungemach – setzte sich die Fähre tuckernd in Bewegung.

Zunächst schlängelte sich die Fähre drei Stunden lang durch einen dunklen Flusslauf. In der Hängematte lagen wir ineinander verkeilt wie ein Puzzle, als uns plötzlich eine über uns hereinbrechende Welle ruckartig aus dem Schlaf riss. Pitschnass blinzelten wir in die Nacht.

Wir waren auf dem offenen Meer – und ein Sturm tobte. Der Regen peitschte uns waagrecht ins Gesicht, die Wellen türmten sich beängstigend hoch. Die rostige Fähre wurde zum Spielball der See, schaukelte hilflos hin und her. Das Geländer reichte kaum bis zu den Knien, und eine Welle nach der anderen spülte unaufhaltsam über das Deck. Die Wellen spülten über die Schweine hinweg, die bei jeder kalten Dusche schrill quietschten wie am Spiess. Für diesen Moment wurden sie tatsächlich zu Meerschweinchen.

Als Jani von seiner weiter aussen hängenden Hängemattenposition nach unten blickte, tat sich direkt unter ihm das offene Meer in der Dunkelheit auf. Durch das heftige Schaukeln baumelte er zwischen der Fähre und dem tobenden Wasser hin und her. Vorsichtig stieg er aus der Hängematte. Uns war es Angst und Bange zu mute.

Gérie lag reglos in einer vergleichsweise sicheren Hängemattenposition, jedoch kreidebleich – die Seekrankheit hatte heimtückisch zugeschlagen. Unter ihrer Hängematte entdeckte Jani zwei kleine Kühlboxen und einen Generator; sie mussten für diese Nacht als notdürftiges Bett genügen. Auch unsere Gedanken pendelten rastlos zwischen möglichen Ausgangsszenarien. Ein Entkommen war unmöglich. Wir waren der unbändigen Kraft des Meeres ausgeliefert. Bei Sonnenaufgang offenbarten sich die aufgetürmten Wellen in ihrer ganzen, erschreckenden Grösse. Die Fährenfahrt dauerte ganze 15 Stunden.

Das Leben besteht aus Höhen und Tiefen – eine Fahrt wie auf einer Achterbahn. Doch jedes Ungemach ist glücklicherweise nur von vorübergehender Dauer. Als wir schliesslich in den Hafen einliefen, öffnete sich vor uns – geschützt von der Bucht – das kristallklare, türkisfarbene Wasser der Karibik, eingerahmt von einer Kulisse aus Palmen.

Haben wir es ins Paradies geschafft?

Fast wie in Oberburg

Hier noch ein Video von der Fähre kurz nach Abfahrt, als wir uns noch in seichtem Gewässer befanden:

Während die Welt sich dreht…

So vielfältig die Länder und unsere Erlebnisse auch sind – kulinarisch zeigt sich der Alltag erstaunlich konstant. Während draussen täglich neue Landschaften, Sprachen und Gesichter auf uns warten, begegnet uns auf dem Teller eine verlässliche Beständigkeit: Reis und Bohnen.

Zum Frühstück Reis und Bohnen. Mittags Reis mit Bohnen. Und am Abend, kaum überraschend, Reis mit Bohnen. Die grösste Abwechslung besteht darin, dass die Speisekarte gelegentlich die Reihenfolge tauscht: Mal steht dort „Reis mit Bohnen“, mal „Bohnen mit Reis“. Sollten wir je ein Kochbuch schreiben, würde es erstaunlich übersichtlich.

El Salvador

Das kleine Land El Salvador haben wir während unseren vier Wochen sehr zu schätzen gelernt. Vor drei Jahren wäre ein solch unbeschwertes Reisen jedoch unvorstellbar gewesen.

Noch vor wenigen Jahren galt El Salvador als eines der gefährlichsten Länder der Welt. Mordraten auf Rekordniveau, allgegenwärtige Erpressung und Städte, die faktisch von kriminellen Banden kontrolliert wurden – für viele Menschen war Gewalt Alltag.

In diversen Gesprächen wurde uns dieser Alltag geschildert: Für viele war es völlig normal, schon als Kind ermordete Menschen auf der Strasse zu sehen, Schiessereien mitzuerleben oder im Bus überfallen zu werden. Die Angst gehörte zum Alltag, genauso wie ein ganzes System impliziter Regeln; man wusste genau, welche Strassen man nicht überqueren durfte, weil dort das Gebiet einer anderen Gang begann. Eine falsche Abbiegung war lebensgefährlich. Selbst Kleidung konnte zum Risiko werden: Bestimmte Schuhmarken waren den Gangmitgliedern vorbehalten – wer sie fälschhlicherweise trug, setzte sein Leben aufs Spiel.

Viele Eltern versuchten, ihre Kinder so gut es ging zu schützen, indem sie sie möglichst im Haus behielten. Die Kindheit spielte sich oft hinter verschlossenen Türen ab, nicht auf Spielplätzen oder Strassen.

Auch Schulen waren nicht frei von diesem Einfluss. Uns wurde erzählt, dass Kinder von Gangmitgliedern häufig automatisch sehr gute Noten erhielten – nicht aus Leistung, sondern aus Angst. Lehrpersonen wussten, dass schlechte Bewertungen ernste Konsequenzen nach sich zogen. Im schlimmsten Fall drohten Mord an ihnen selbst oder ihren Angehörigen.

All diese Berichte zeichnen das Bild einer Gesellschaft, in der Gewalt nicht nur sichtbar, sondern strukturell in den Alltag eingebettet war – mit Regeln, die jeder kannte und deren Missachtung tödlich enden konnten.

Seit 2022 hat sich das Land jedoch radikal verändert. Präsident Nayib Bukele führt einen kompromisslosen Kampf gegen die Gangs – mit Massnahmen, die international stark umstritten sind.

Über Jahrzehnte bestimmten vor allem die zwei Banden das Leben im Land: Mara Salvatrucha (MS-13) und Barrio 18.

Diese Gangs finanzierten sich durch Schutzgelderpressung, Drogenhandel und Auftragsmorde. Ganze Städte standen unter ihrer Kontrolle. Wer nicht zahlte oder sich widersetzte, riskierte sein Leben.

Der Wendepunkt: Ausnahmezustand 2022

Im März 2022 verhängte Präsident Bukele einen landesweiten „Staat der Ausnahme“ (régimen de excepción).

Dieser Ausnahmezustand gilt – mit Verlängerungen – bis heute und erlaubt unter anderem, dass Menschen ohne richterlichen Haftbefehl festgenommen werden. Vereinfacht gesagt, wurden Menschen mit Tätowierungen die Rechte abgesprochen – da Tattoos häufig als Hinweis auf eine mögliche Gangzugehörigkeit gewertet wurden – und als Folge dessen wurden seit Beginn des Ausnahmezustands über 70’000 Menschen inhaftiert. Das oberste Ziel: Die Gangs vollständig zerschlagen.

Die Justiz wurde reformiert, um Massengerichtsverfahren zu ermöglichen, bei denen hunderte Angeklagte gleichzeitig verhandelt werden. Gerichte verhängen teils extrem lange Haftstrafen, in manchen Fällen über tausend Jahre, weil mehrere Verbrechen kumuliert berechnet werden.

Die Mordzahlen sind seither drastisch gesunken und es besteht seitens des Staates eine Nullteranz gegenüber Gewalt. Viele Bürger:innen berichten, dass sie sich erstmals seit Jahren wieder frei bewegen können – ohne Schutzgelder zu zahlen oder Angst vor bewaffneten Gangs zu haben. El Salvador gilt heute als eines der sichersten Länder in Süd- und Zentralamerika. Die Menschen begegneten uns mit großer Offenheit und Herzlichkeit und freuten sich spürbar darüber, dass Tourist:innen ihr Land besuchen.

Doch der harte Kurs hat auch Schattenseiten. Internationale Organisationen werfen der Regierung schwere Menschenrechtsverletzungen vor.

Kritisiert werden vorallem die willkürlichen Festnahmen ohne ausreichende Beweise, überfüllte Gefängnisse, Berichte über Misshandlungen in Haft und Eingeschränkter Zugang zu Anwälten. Familien von Inhaftierten berichten, dass auch Unschuldige betroffen seien. Für viele Kritiker:innen stellt sich die Frage: Wird Sicherheit hier über Rechtsstaatlichkeit gestellt? Und welche längerfristigen Folgen hat diese Entwicklung – insbesondere die zunehmende Machtkonzentration beim Präsidenten?

El Salvador steht heute für ein radikales Sicherheitsmodell. Während die Gewalt im Alltag spürbar zurückgegangen ist, bleibt die politische und juristische Dimension umstritten. Fest steht: Die jüngsten Jahre haben El Salvador grundlegend verändert.

Fotoalbum

Weggefährten
Nichts für schweizer Mägen
Küchendiskussion: „Wollen wir einmal mit dem Rasenmäher drüber?„
Das Werk eines Rasenmähers
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in Gesellschaft
verlassen
Fresca Mango
Wirrwarr
Donnergrollen in der Karibik
So könnte die Pension sein
Oder so
Und so wohl nach der Pension
Matterhorn
Kamelhöcker
Oooooohhhh Daniel!
Der Bibeli-Baum
Tadaaaa
Wer hochgeht, darf auch runter
hergestellt
abgestellt
aufgestellt
entstellt
surfi surfi
dich nehmen wir mit
dich lassen wir hier – mit solchen Füssen
ich bleibe gerne
mit Hängematte wäre es deutlich bequemer