Unsere Drahtesel ruhen inzwischen in der Hauptstadt San Jose, wo wir sie wie treue, aber erschöpfte Gefährten eingestallt haben. Costa Rica ist zwar ein atemberaubend schönes Land, aber zum Radfahren ungefähr so geeignet wie Flip-Flops fürs Bergsteigen. Deshalb sind wir für einige Wochen auf Busse, Autostopp und Boote umgestiegen – bis wir uns dann wieder in den Sattel schwingen und nordwärts in Richtung Nicaragua fahren werden.
Von der Pazifikküste ging es an die verträumt vibrierende Karibikküste. In Tortuguereo empfing uns ein üppiges Dschungelreich mit beeindruckender Artenvielfalt, indem es weder Strassen noch Autos gibt – eine andere Welt. Die miteinander verbundenen, hunderte Kilometer langen Wasserkanäle schlängeln sich durch den Regenwald und sind nur mit Booten und Kanus passierbar. Ein Netz aus Wasserstrassen – sogar mit Verkehrsschildern:

Die Jagd
Wir gingen auf die Jagd. Zwei Schweizer:innen im Dschungel. Ausgerüstet mit dem dafür notwendigen Equipment. Ein treffsicherer Schuss als Ziel: Die Suche nach dem perfekten Moment zum Abdrücken.
Abwartend.
Geduldig.
Fährten lesend.
Lauschend.
Jede Regung aufspürend.
Das Zielobjekt vor Augen.
Ein langsames Annähern, lautlos wie ein Atemzug.
Im Schutz des Gestrüps beinahe eins mit der Umgebung.
Das Herz pumpt schneller.
Das Adrenalin schärft die Sinne.
Nur wir und unser Ziel.
Dieser eine Moment kurz vor dem Abdrücken; wenn das Tier einen bemerkt, aber noch bevor der Fluchtinstinkt übernimmt und es geschossen werden kann. Eine Milisekunde, die sich wie eine Ewigkeit anfühlt. Die Zeit scheint stillzustehen.
Wir nahmen Stellung ein, hielten den Atem an. Wir hoben die Hände, visierten an, fokussierten das Ziel und drückten ab.
– KLACK –
Das war’s.
Volltreffer.
Kein Knall, kein Erschrecken, kein Fluchtmoment. Nur ein eingefangener Augenblick, festgehalten mit unserer Kamera. Ein Schnapschuss.
Wer mit der Kamera schiesst, bringt Erinnerungen nach Hause und keine Beute. Beim Fotoschuss bleibt nur das Motiv stehen, nicht das Leben. Denn der Jäger nimmt etwas aus der Welt hinaus – die Fotografin fügt ihr etwas hinzu.
Hier sind unsere Trophäen für Zuhause über dem Kamin:












Höflich und höfisch
Die Strassenverhältnisse in Costa Rica sind immer mal wieder herausfordernd. Die Autofahrer:innen jedoch sind sehr freundlich und überholen mit grossem Abstand. Selbst die Fahrzeuge hier sind sehr freundlich und von ausgezeichneten Manieren geleitet – Herr Knigge würde jauchzen vor Freude, wäre es ihm erlaubt. Ein freundliches Winken hier, ein Hofknicks da – die Gepflogenheiten wie einst zu Zeiten von Prinzessin Sissi scheinen offenbar auch in Costa Rica gepflegt zu werden. Wir wurden empfangen, als wären wir Gesandte eines fernen Kaiserreichs. Hier ein anschauliches Beispiel für ein freundliches Fahrzeug, ganz im Geiste kaiserlicher Etikette und getreu den feinen Regeln des Herrn Knigge:

Erfahren, aber verfahren
Am Anfang stand eine verhängnisvolle Routenplanung: Wir wollten einen langen Umweg vermeiden und entschieden uns für eine „Strasse“ durch den Dschungel. Wir dachten: Gewieft muss man sein, dann klappt’s. Am Ende klappte nur eines; nämlich wir fast zusammen.
Abfahrt. Nach wenigen Kilometern verengte sich der Weg in den Dschungel immer weiter. Der Wildwuchs wurde wilder und der Pflotsch pflotschiger. Immer öfter wich das Fahren dem mühsamen Schieben durch den zähen und schmatzenden Schlamm. Schon bald waren wir so tief ins Dickicht vorgedrungen, dass eine Umkehr uns als zu beschwerlich erschien. Unser Optimismus verleitete uns zu glauben, das Schlimmste liege hinter uns. Ein Irrglaube. Schritt für Schritt schoben wir unsere Velos tiefer in die Misere. Der Schlamm klebte an uns wie ein in der Sonne geschmolzener Kaugummi an einer Fussohle. Die Schwerkraft liess uns wegen unseres Fahrradgepäcks Furchen in den Morast pflügen. Es war als wollte der Boden uns bei sich behalten. Wer vom Glück verlassen wird, muss sich erneut auf seine Suche machen. So begaben wir uns auf morastigen Irrwegen und durch kleine Flüsschen hindurch weiter ins innere des Gestrüps:


Da wir uns in der Regenzeit befinden, führen die Flüsse viel Wasser und die darin lebenden Krokodile wurden zuhauf vom Landesinnern an die Küste gespült. Mit diesem unheimlichen Wissen im Hinterkopf eröffnete sich vor uns ein hüfttiefer Fluss. Eine Umkehr hätte viele Stunden zusätzlichen Weges bedeutet. Der Sensemann schien näher als der sehnlich erwünschte Fähremann. Konsterniert standen wir am Ufer und rätselten vor dem uns herfliessenden Wasser, was vernünftig ist: Wäre eine rasche Überquerung Irrsinn? Sind im sichtklaren Wasser Krokodile zu erkennen? Essen Krokodile überhaupt schweizerisch? Müssen wir den Umweg auf uns nehmen?
Bislang waren unsere einzigen Berührungspunkte mit Krokodilen unsere Hausschuhe der Marke Crocs und dies sollte auch so bleiben. Wie ein dringend benötigtes Kaminfeuer in kalten Wintertagen kam genau in diesem Moment ein Bagger knatternd um die Ecke gefahren. Die beiden Baggerfahrer schaufelten unsere Fahrräder samt Sack und Pack auf und überquerten mit uns den krokodilgetränkten Fluss. Welch ein Glück!
Jeder Tag scheint ein Geschenk zu sein, er ist nur manchmal scheisse verpackt.

Weiterfahrt. Nach mehreren Stunden auf einem Weg, der eher einem Honig-Schlick glich, erreichten wir endlich wieder Asphalt – wohl noch selten haben sich zwei Menschen derart an Asphalt erfreut. Doch das Glück währte nicht lange. Jani wunderte sich, warum ihm das Fahren so schwerfiel. Die Antwort trug er im wahrsten Sinne des Wortes mit sich herum: Unter seinem Schutzblech hatte sich so viel Schlamm angesammelt, dass sein Hinterrad über mehrere Kilometer fast völlig blockiert und drehunfähig war. Mit grosser körperlicher Anstrengung hatte er sein Rad, und entgegen des sich festgesetzten Schlammes, fortlaufend in den Drehmoment versetzt. Ein mühseliger Kraftakt – wie einst bei Sisyphus. Vielleicht ist es oft so im Leben; wir kämpfen nicht gegen den Weg an, sondern gegen das, was wir unbewusst mit uns tragen. Würden wir die Last erkennen, könnten wir sie ablegen und leichtfüssig davontänzeln.
Nach neun Stunden auf dem Velo hat uns letzten Endes eine ausgewanderte Marokkanerin, längst heimisch in der Ferne, mit offenen Armen auf ihrem kleinen Campingplatz empfangen. Nach der Regenzeit, erzählte sie, seien wir die Ersten, die ihren Garten betreten – wie einst Adam und Eva die Ersten im Garten Eden waren. Und tatsächlich: Der von Palmen gesäumte Garten fühlte sich auch wirklich an wie der Garten Eden. An einem solchen Ort muss wohl wirklich die Menschheit ihren Anfang genommen haben – so würde man an die biblische Erzählung glauben. Wir mieden es jedoch, diese Geschichte zu wiederholen und verzichteten daher darauf, vom verbotenen Baum zu kosten. Zum Glück hatte es hier keine Apfelbäume, die uns in Versuchung hätten führen können. Einzig Palmen mit Kokosnüssem, aber diese kamen in dieser biblischen Saga glücklicherweise ja nicht vor.

Fotogallerie
Und hier noch einige Fötelis:


































